Brasilien
Regierung will Proteste mit Spezialeinheiten ersticken

In Brasilien gehen die Proteste mit verminderter Intensität weiter. Schwerpunkt diesmal: São Paulo, wo es am Rande eines friedlichen Marsches Randale gab. Die Regierung will nun mit härteren Mitteln vorgehen.
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São PauloZehntausende Menschen haben in Brasiliens Städten erneut gegen Misswirtschaft, Korruption und steigende Kosten protestiert. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Regierung hat nun paramilitärische Spezialeinheiten der Sicherheitskräfte in einige Städte in Marsch gesetzt, teilte das Justizministerium mit.

In São Paulo schätzte die Polizei die Teilnehmerzahl der Proteste auf bis zu 50 000 Menschen. Der Protestmarsch verlief zunächst friedlich, eine kleine Gruppe von gewalttätigen Demonstranten richtete allerdings große Schäden an. Vor dem Sitz des Bürgermeisters kam es zu Tumulten. Protestteilnehmer warfen Steine, mehrere Busse gingen in Flammen auf. Es kam vereinzelt zu Plünderungen von Geschäften, auch Bahnhöfe und Banken nahmen Schaden. Mehrere Personen wurden nach Medienangaben festgenommen. Zwei Polizisten wurden zudem verletzt, berichtete die Tageszeitung „Folha de São Paulo“

In São Gonçalo bei Rio de Janeiro gingen etwa 5000 Menschen auf die Straße. Einige Randalierer setzten auf der Straße Müll in Brand. Proteste gab es auch in Belo Horizonte, wo etwa 3000 Demonstranten auf die Straße gingen.

Die Spezialeinheiten wurden in fünf der sechs Austragungsorte des FIFA Confederations Cup verlegt, nämlich die Hauptstadt Brasilia, sowie Rio de Janiero, Fortaleza, Salvador de Bahia und Minas Gerais. Die Truppen der „Fuerza Nacional“ sollen die Sicherheit bei den Spielen verbessern, teilte das Justizministerium mit. Die Provinzregierungen hatten um die Unterstützung gebeten. Für die Stadt Receife, den sechsten Austragungsort des Fußball-Turniers, habe der zuständige Gouverneur keine Hilfe angefordert.

Nach den Worten eines Ministeriumssprechers habe die Entsendung der Spezialeinheiten aber nichts mit den Protesten zu tun, sondern sei als Sicherheitsmaßnahme für das Turnier geplant gewesen. Wie viele Truppen verlegt wurden, teilte das Ministerium nicht mit.

Bewegung gab es bei der Frage der Buspreise, einem Hauptanliegen der Demonstranten. Sieben Städte kündigten eine Senkung der Preise an. São Paulos Bürgermeister Fernando Haddad signalisierte erstmals seit der Erhöhung der Preise am 2. Juni, die Möglichkeit, die Tariferhöhung wieder zurückzunehmen.

Die Protestteilnehmer fordern auch Steuergerechtigkeit, bessere Schulen und Krankenhäuser sowie die Einhaltung der Menschenrechte. Sie kritisieren Korruption und die Milliarden-Ausgaben für die bevorstehenden Sport-Großereignisse Fußball-WM und Olympische Spiele.

Für Felix Dane, den Leiter der Konrad-Adenauer Stiftung in Rio den Janeiro, liegt der Grund für die Demonstrationen in der Frustration der Mittelschicht. Die Bürger seien mit der Entwicklung unzufrieden, sagte er am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur. Die Tariferhöhung habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff wertete friedliche Proteste positiv. Sie zeigten die Stärke der Demokratie in Brasilien. Die Stimmen auf der Straße müssten gehört werden. Es sei gut, so viele Jugendliche und Erwachsene zu sehen, die mit Brasiliens Flagge in der Hand und der Nationalhymne auf den Lippen für ein besseres Brasilien eintreten.

Die Proteste trüben den Confederations Cup, die Generalprobe für die Fußball-WM im kommenden Jahr. FIFA-Präsident Joseph Blatter zeigte Verständnis für die Demonstranten, wollte aber den Fußball aus den Protesten heraushalten. „Ich kann verstehen, dass die Menschen nicht glücklich sind“, sagte er. „Aber ich denke, sie sollten den Fußball nicht dazu nutzen, um ihre Forderungen zu verkünden“, schränkte Blatter im Gespräch mit dem Fernsehsender TV Globo ein.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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Associated Press / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Brasilien: Regierung will Proteste mit Spezialeinheiten ersticken"

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  • Das heißt Força Nacional. Man spricht in Brasilien immer noch portugiesisch und nicht spanisch.

  • "Regierung will Proteste mit Spezialeinheiten ersticken"

    Nur zu! Die Astkandidaten sind für die vorherrschende Situation anscheinend nicht zugänglich, zu überheblich, eingebildet, saudumm oder rotzfrech. Erst wenn der eine oder andere - wie der türkische Spinner - vom haarsträubenden "Blödsinn" des "Endsieges" (ganz wurscht, wie das letztlich formuliert ist) durch die "Baumelitis" belehrt wird, findet ein Erwachen (bei den "Oberspinnern") statt.
    (ZENSOR: Als Quellennachweis dient u.a. 1789, der Beginn der Franz. Revolution sowie 1945 das "Aufknüpfen" -Kopf unten!- des Herrn Mussolini. ALSO KRÄTIG LÖSCHEN UND DANN AUF FEHLENDE QUELLEN HINWEISEN. Ich freu mich schon auf Ihre DUMME BLAMAGE !!!!!)

  • Also die Schlagzeile ist leider übertriebenen und erweckt den Eindruck, dass nun in Brasilien ala Türkei die Demonstranten niedergeknüppelt werden sollen. Diese Spezialeinheiten der "Força National" wurden bereit vor Beginn der Proteste zum Schutz des "Konföderation Coups" dafür abgestellt und nur dafür um die Spiele und deren Umgebung bei Bedarf abzusichern.
    Was die Proteste angeht so sind diese zu 99% friedlich und lediglich von einer kleinen Minderheit von Chaoten geht Gewalt aus. Dieser Minderheit geht es lediglich um Randale und so was ist den Medien eben Schlagzeilen wert.

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