Brasilien, Rio und Olympia
Der Cristo funkt SOS

In 100 Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Rio, aber Brasilien hat ganz andere Sorgen. Die Präsidentin dürfte Mitte Mai suspendiert werden. Nach Jahren des Booms geht es steil bergab. Proteste zu Olympia drohen.

BrasíliaAls die Regierungsmaschine durch starke Turbulenzen fliegt, stürmt Dilma Rousseff in die Pilotenkabine des Airbus 319 und brüllt: „Seid Ihr verrückt? Was geht hier vor sich?“ In Brasilien wird immer alles gleich genüsslich in den Medien ausgebreitet – in diesem Fall der Zwischenfall in der Luft, als Beweis dafür, dass die Präsidentin ihre Nerven nicht im Griff habe, zu Wutausfällen neige.

Das Magazin „Istoé“ listete sogar die angeblichen Medikamente auf, die die 68-Jährige zu sich nehme, Beruhigungspillen und ein Mittel gegen Schizophrenie, Titel der Story: „Eine Präsidentin außer sich“. Sie sieht auch eine Medienkampagne gegen sich am Werk. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird sie nach der Abstimmungsniederlage im Abgeordnetenhaus Mitte Mai vom Senat zur Prüfung der Vorwürfe für 180 Tage suspendiert, im Oktober könnte der Senat sie dann vollends des Amtes entheben.

Ihr Widersacher, Vizepräsident Michel Temer schmiedet bereits an einem Kabinett, seine Partei der demokratischen Bewegung (PMDB), eine Partei der Mitte, hat mit der Arbeiterpartei gebrochen.

Der „Economist“ hatte in der aktuellen Ausgabe einen Cristo auf dem Titel, der zwischen seinen Armen ein „SOS“-Schild hält und auf einen wolkenverhangenes Rio de Janeiro blickt. Das Cristo-Bild gab es schon einmal 2009 auf dem Titel, da hob der Cristo noch ab wie eine Rakete. Doch das ist längst passé. In 100 Tagen wird in Rio das Olympische Feuer entzündet. Temer schickt sich an, statt Rousseff am 5. August die Spiele zu eröffnen, doch das Land hat gerade ganz andere Sorgen.

Von der tiefsten Krise der Demokratie seit Ende der Militärdiktatur 1985 ist die Rede. „Der Verrat Brasiliens“, betitelt der „Economist“ seine Story, die ganze politischen Klasse ist diskreditiert. Die PMDB und andere Parteien sind nicht minder korrumpiert wie die regierende Arbeiterpartei, gegen 60 Prozent der 594 Abgeordneten und Senatoren laufen derzeit strafrechtliche Ermittlungen. Hinzu kommt eine Erosion demokratischer Sitten. Der konservative Abgeordnete Jair Bolsonaro verband sein „Ja“ zur Absetzung von Rousseff mit einem Lob für ihren Folterer während der Militärdiktatur, sie war damals inhaftiert.

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