Brasilien und seine Proteste
Das gespaltene Land

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Es ist, als wolle Rio sagen: „Ich kann auch anders“

Auch Rio trägt an diesem Abend Anfang Juli seine andere Seite zur Schau. Die Cidade Maravilhosa, die Wunderbare Stadt, die so sehr von ihrem Antlitz bei Sonnenschein lebt, ist wolkenverhangen. Die touristischen Aushängeschilder Zuckerhut und Christusstatue stecken im tiefhängendem Grau fest.

Durchtrainierte Fußballer und Strandschönheiten im knappen Bikini sucht man an den leergefegten Sandstreifen der sagenumwobenen Küstenstreifen Ipanema und Copacabana vergebens. Selbst die Zahl der Großstadtsportler entlang der parallel laufenden sechsspurigen Straße ist verschwindend gering. Es ist, als wolle Rio sagen: „Ich kann auch anders.“

In dieser rauen Kulisse sucht Bernardo nach Worten für das neue Brasilien. Dem Land, das zwar schöne Männer und noch schönere Frauen hat, aber gleichzeitig so viele Fettleibige, dass sie in den Bussen gleichgestellt werden mit Schwangeren, Älteren und Menschen mit Behinderungen, für die ein Sitz freizumachen ist. Das zwar einen Mindestlohn hat, der mit umgerechnet 230 Euro und Lebenshaltungskosten vergleichbar mit denen in Europa aber so niedrig ist, dass schon ein Viertel fürs Busfahren draufgeht.

Ein Land, in dem sich das Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen zehn Jahren zwar vervierfacht hat, es aber an Krankenhäusern, Schulen und Ärzten fehlt. Ein Land, in dem gegen ein Drittel seiner Abgeordneten im Parlament, dem Congresso, Verfahren laufen oder bereits Schuldsprüche gesprochen wurden – wegen Vergehen, die von Sklaverei bis Veruntreuung reichen.

Bernardo lief bei den Demonstrationen an der Seite von Lehrern, Studenten und Arbeitern. Sie alle hätten für oder gegen etwas protestiert – für mehr Rechte für Schwule, gegen die Korruption, gegen die soziale Ungleichheit. Eine gemeinsame Linie hat die Bewegung nicht. Sie hat keinen Kopf, keine gemeinsam von allen getragenen und fixierten Ziele, keine Partei, die sich an die Spitze zu stellen vermag. Organisiert wird alles über Twitter und Facebook. „Wir sind endlich politisch geworden“, sagt Bernardo.

Wie recht er hat, lässt sich am brasilianischen Fußball ablesen: Während des Confed Cups – oder wie Bernardo ihn und seine Freunde ihn nur noch nennen, der Demonstrations Cup – waren Neymars Tore nur Nebensache. Was die Leute interessierte, waren die Proteste. Als Weltfußballer Pele sich äußerte, die Leute sollten lieber „Fußball schauen, anstatt so viel zu demonstrieren“ und die Proteste vergessen, brach via Facebook ein massiver Shitstorm über ihn herein. Ähnlich erging es Ronaldinho.

Jungstar Neymar war klüger. Er „unterstütze friedliche Demonstrationen“, sagte er. In den Souvenirläden Rios sind es seine Trikots, die verkauft werden. Nach Ronaldinhos Nummer 20 muss man lange suchen, auch Kakás Name ist auf den gelb-grünen Shirts deutlich seltener zu finden.

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„Wir müssen den Protest weiterführen“

Kommentare zu " Brasilien und seine Proteste: Das gespaltene Land"

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  • @keine ahnung

    Sie treffen voll ihren nickname.

    Keine Ahnung, aber immer eine feist-fette-dümmliche Anmerkung.
    Den Michels fällt zu Brasilien nichts ein, sie stehen unstrittig ihren gewählten , gehuldigten Politikchargen in nichts nach.

    Betrachtet ein unbedarfter Mitleser hiesiges weltpolitisches Verständnis, erkennt er muehelos Mittleren US Westen" sowie germanisch-geadelten McFress.

  • http://central.banktunnel.eu/20130707-1918-ecbint-pROOF-OF-LIFE.jpg

  • Korruption, Ungleichheit, explodierende Preise.
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    Da kann doch Deutschland locker mithalten.

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