Brasiliens Außenminister
Celso Amorim: Der Süd-Nord-Vermittler

Brasilien ist nicht mehr Peripherie. Brasilien strebt ins Zentrum der Weltpolitik. Mit diesem neuen Selbstbewusstsein vertritt Außenminister Celso Amorim sein Land auf internationalem Parkett - und schmiedet Allianzen, die Brasilien wirtschaftlich wachsen lassen.

BRASILIA. Celso Amorim genießt die Verwirrung. Die Verwirrung seiner Besucher über das Objekt, das hinter seinem Schreibtisch an der Wand hängt. Geduldig steht der zierliche Mann mit dem weißen Bart da, kostet den Moment aus und wartet die Reaktion ab. Das Objekt ist ein riesiger Wandteppich. Eine geknüpfte Weltkarte aus dem Jahr 1503, die jeden Betrachter irritieren muss, der links oben Nordamerika, oben in der Mitte Europa und rechts oben Asien erwartet, während Südamerika wie üblich links unten liegt. Die Karte, die aus jener Zeit stammt, als die Portugiesen Brasilien entdeckten, scheint verkehrt aufgehängt. Denn der Süden der Weltkugel befindet sich oben.

Das Objekt ist mehr als nur ein Wandschmuck, es steht für eine Botschaft, die undiplomatischer nicht sein könnte. Seht her, euer Weltbild ist nicht das richtige! Wir sind es, die im Zentrum der Welt stehen!

Amorim ist Außenminister einer aufstrebenden Macht. Während seine Besucher ratlos vor der Karte stehen, hat er seine wichtigste Botschaft bereits platziert. Brasilien ist nicht mehr Peripherie. Brasilien gehört zu den führenden Nationen. Brasilien strebt ins Zentrum der Weltpolitik. Dort, wo es in seinen Augen hingehört.

Für einen Mann wie Amorim, der wie kaum einer den brasilianischen Stil der Diplomatie verkörpert, ein erstaunlich offensives Signal. Einen Mann, der genau dem Bild entspricht, das der brasilianische Schriftsteller Sérgio Buarque de Holanda 1937 in seinem Essay "Die Wurzeln Brasiliens" zeichnete. Immer freundlich und höflich, klare Aussagen möglichst vermeiden, aber mit Zwischentönen und Andeutungen Hinweise geben. Keine Position beziehen, die man nicht schnell wieder verlassen kann, und sich mit möglichst allen verstehen.

Doch Brasilien lässt keine Zweifel an seinem neuen Selbstbewusstsein. Wie unter keiner Regierung zuvor ist Brasilien unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, genannt Lula, dem Ziel, Brasilien wieder Gewicht auf der internationalen Bühne zu verleihen, näher gekommen. Das liegt vor allem an der neuen wirtschaftlichen und politischen Stabilität Brasiliens. Sie machte das Land erstmals außenpolitisch berechenbar - nach Jahrzehnten, in denen es seine eigenen Probleme nicht in den Griff bekommen hatte. Das liegt auch an seiner Schlüsselstellung in den internationalen Klimaverhandlungen und - nicht zuletzt - dem überraschend guten Abschneiden Brasiliens in der Weltwirtschaftskrise.

Celso Amorim ist das Gesicht und die Stimme des neuen Brasiliens auf der Weltbühne: Wie kaum ein anderer hat der 67-jährige Politologe die Interessen Brasiliens in internationalen Foren vertreten - mit der gebotenen brasilianischen Zurückhaltung, versteht sich. Das machte er schon, bevor er 2003 Außenminister Lulas wurde: Er war lange Zeit Brasiliens Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er hat in Genf die Gatt-Verhandlungen für Brasilien geführt, also die Vorgängerveranstaltung der heutigen Welthandelsrunde. Er war Botschafter in London und schon einmal von 1993 bis 1995 Außenminister Brasiliens. Heute gehört es zum Alltag, wenn Berlins Außenminister Frank-Walter Steinmeier auch mit Amorim telefoniert, wenn es etwa um die Eskalation des Nahostkonflikts geht.

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