Brasiliens künftige Präsidentin
Dilma Rousseffs wirtschaftlicher Drahtseilakt

Was die brasilianische Wirtschaft betrifft, hat die soeben gewählte künftige Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, gewaltige Aufgaben vor sich. Sie muss die Staatsausgaben senken, ohne dabei das Wachstum abzuwürgen und ihre Anhänger zu verprellen. Klar ist: Rousseff will den gemäßigten Linkskurs ihres politischen Ziehvaters Lula fortsetzen.
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HB BRASILIA. Die brasilianische Wahlsiegerin Dilma Rousseff muss sich auf einen wirtschaftlichen Drahtseilakt gefasst machen. Denn die sagenhaften Wachstumsraten und hohen Staatsausgaben der vergangenen Monate dürften zu einem der größten Probleme für die künftige Präsidentin werden, wenn sie am 1. Januar ihren politischen Mentor Luiz Inacio Lula da Silva in Brasilia beerbt und die erste Frau an der Spitze des bevölkerungsreichsten Landes Lateinamerikas wird.

Rousseff muss das Kunststück gelingen, die im Wahljahr stark angestiegenen Ausgaben der öffentlichen Hand zu verringern, ohne das Wachstum abzuwürgen und ohne ihre Anhänger zu verprellen. "Die brasilianische Bevölkerung akzeptiert keine Regierung, die über ihre Verhältnisse lebt", erklärte Rousseff noch am Wahlabend in ihrer Siegesrede. "Wir werden alles daran setzen, die öffentlichen Ausgaben zu verbessern und die Steuerlast zu verringern."

Und so war es wohl auch kein Zufall, dass auf der Bühne neben ihr der ehemalige Finanzminister und Wall-Street-Liebling Antonio Palocci stand, der schon während Lulas erster Amtszeit Kürzungen im Staatshaushalt durchgesetzt hatte. Das Signal an die ausländischen Investoren ist klar: Rousseff will an die Tradition ihres politischen Ziehvaters Lula anknüpfen und einen gemäßigten Linkskurs fortsetzen.

"Es wird höchste Zeit, dass die Fiskalpolitik wieder stärker unter Kontrolle kommt. Das muss Priorität haben", fordert die RBS-Volkswirtin und Lateinamerika-Spezialistin Zeina Latif. Dies wäre auch gut für die Währung. Wegen des Wirtschaftsbooms hat der Real in den vergangenen Monaten stark an Wert gewonnen, was vor allem brasilianischen Exporteuren das Leben schwermacht.

Auch Eingriffe der Regierung auf den Finanzmärkten - wie zuletzt eine Verdreifachung der Steuer auf ausländische Investitionen in bestimmte Anleihen - konnten der Aufwertung kaum entgegenwirken.

"Wir werden wahrscheinlich noch weitere Maßnahmen ergreifen, um eine weitere Aufwertung des Real zu verhindern", kündigte jüngst Planungsminister Paulo Bernardo in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters an. Eine Herausforderung für Rousseff dürfte es dabei werden, die ausländischen Kapitalzuflüsse unter Kontrolle zu bekommen, ohne einen der Schlüssel für die wirtschaftliche Stabilität des Landes aus der Hand zu geben - den freien Währungskurs.

Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte nach Angaben von Regierungsvertretern sein, dass die Regierung im Rahmen ihrer versprochenen Steuerreform die Abgaben für Exporteure senkt und ihnen somit zu Wettbewerbsvorteilen verhilft.

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