Brexit-Frage in China
Gehopst wie gesprungen

Ob Großbritannien die Europäische Union verlässt oder nicht: Für China macht das – anders als für Europa – keinen großen Unterschied. Das Land kann mit beiden Varianten gut leben, meint Frank Sieren.

PekingGroßbritannien ist für die normalen Chinesen Harry Potter, die Queen und Manchester United. Für die Reicheren sind es Burberry & Bentley, die Zweitwohnung und ganz wichtig: die Internate von Oxford. Ich wage es angesichts des allgemeinen Bleibt-drin-Hype kaum zu sagen: Nichts wird sich daran ändern, ob die Briten nun aus der EU austreten oder nicht.

England würde nach einem Austritt ja nicht nach Grönland abdriften, sondern aus chinesischer Perspektive weiterhin sehr günstig um die Ecke von Paris, Berlin und Rom liegen.
Dass die Chinesen England nicht mit einem Schengen-Visum bereisen können ist für sie nervig, hat jedoch der Beliebtheit Englands nicht geschadet. Denn Großbritannien ist das einzige europäische Land, in dem vernünftig Englisch gesprochen wird und London die einzige Stadt Europas, wo man als Chinese nicht groß auffällt. Vorteile, die so oder so bleiben.

Das vergessen wir Kerneuropäer gerne, wenn wir uns wieder und wieder darüber an den Kopf fassen, wie die Briten nur auf diese verrückte Idee kommen konnten. Sie liegen schon richtig, wenn sie davon überzeugt sind, dass London noch für lange Zeit die wichtigste – und in den meisten Fällen auch die erste – Anlaufstelle der Chinesen in Europa bleiben wird. Brüssel, Berlin und Paris tun gut daran, die Schwerkraft des Alltags nicht zu unterschätzen.

Politisch und wirtschaftlich ist die Lage komplizierter, aber leider nicht so eindeutig, wie sich das mancher in Brüssel in den vergangenen Monaten eingeredet hat. Peking will ein starkes Europa, damit weniger Last auf China liegt – als Gegengewicht zu den USA in einer neuen multipolaren Weltordnung. Aber die chinesischen Politiker fahren angesichts der unübersichtlichen Lage in Brüssel schon seit langem eine Doppelstrategie gegenüber Europa. Sie sagten Ja zu einem starken Europa, aber verfolgen enge bilaterale Beziehungen zu den einzelnen Ländern. Dabei behandeln sie jedes noch so kleine Land als Juwel. Dass die Länder nun im Wettbewerb um die Gunst Chinas buhlen, ist gewollt.

Peking hat noch nie Brüssel um Erlaubnis gefragt, wenn es mit London Geschäfte machen wollte. Enge Geschäftsbeziehungen sind so inzwischen entstanden. Die einst britische Automarke MG und der Autohersteller London Taxis sind chinesisch, ja selbst die Vollkornweizen-Briketts von Weetabix, die der Engländer morgens gerne in seine Milch tunkt. Über 16 Milliarden Euro investieren die Chinesen in eine Hochgeschwindigkeitszugstrecke und bauen für gut sieben Milliarden ein neues Atomkraftwerk – gemeinsam mit Frankreich. Sie halten zehn Prozent an Thames Water, Englands größtem Wasserversorger und bauen die Flughäfen Heathrow und Manchester aus.

Die Beziehungen sind so eng, dass es China den Briten leichter gemacht hat, von der EU abzurücken. Denn Peking ist die noch lange sprudelnde Finanzierungsquelle, die Großbritannien braucht, um auf eigenen Füßen zu stehen - innerhalb oder außerhalb der EU. Ohne die EU ist allerdings die Verhandlungsposition der Briten gegenüber China viel schlechter.

Keine Frage: Auch für die chinesische Politik und die Wirtschaft wäre es besser, die Briten würden in der EU bleiben. Aber machen wir uns nichts vor: Für China ist das am Ende gehopst wie gesprungen.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China
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