London-Tagebuch
Britische Abgeordnete würdigen ermordete Jo Cox

Bis zum Wochenende erscheint das Handelsblatt aus London. Unsere Reporter sind unterwegs – unter anderem für diesen Liveblog. Parlamentarier nehmen Abschied, der Wahlkampf läuft dennoch wieder. Der Tag zum Nachlesen.

LondonBis zum Wochenende erscheint das Handelsblatt aus London. Dutzende Reporter sind für Sie im Land und in der britischen Hauptstadt unterwegs - Eindrücke halten Sie auch bei Twitter fest (#HandelsblattUK). Auch Sie können bei zahlreichen Veranstaltungen dabei sein. In diesem Liveblog halten wir Sie über die neuesten Entwicklungen rund um das EU-Referendum am 23. Juni auf dem Laufenden.

  • Eine Umfrage vom Wochenende sieht die EU-Befürworter im Aufwind. In der Folge legen die Weltbörsen zu, das britische Pfund klettert deutlich.
  • Buchmacher sehen wieder höhere Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs.
  • Die Wahlkampagnen haben wieder begonnen nach der Ermordung der Abgeordneten Jo Cox. Ein Trauerzug für die Parlamentariern bestimmt den politischen Tag.
  • Britische Unternehmer wettern gegen den „Brexit“, Milliardär Richard Branson wirbt ebenfalls für den EU-Verbleib.

+++ Trauermarsch zur St. Margret's Church +++

Nach den Gedächtnisansprachen im House of Commons sind die Parlamentarier zu einem Gedenkgottesdienst zu Ehren der am Donnerstag ermordeten Abgeordneten Jo Cox gezogen. Zuerst kam Sally, Schwester des Opfers, in einem auffälligen, rot-geblümten Kleid.

Nach einigen ‎Minuten folgten die Abgeordneten in Zweierreihen, fast alle mit angesteckter weißer Rose. Ganz vorn zog Premierminister David Cameron mit Labour-Chef Jeremy Corbyn. Andächtig schritten die Volksvertreter in die Kirche. Nur wenige unterhielten sich, viele hielten die Hände verschränkt vor dem Bauch. Einige Frauen sahen verweint aus. Kurz hinter Cameron und Corbyn folgt Schatzkanzler George Osborne, weiter hinten der Frontmann der Brexit-Bewegung Boris Johnson.

+++ Britische Abgeordnete würdigen ermordete Kollegin Jo Cox +++

Mit teilweise rührenden Ansprachen gedenken britische Abgeordnete am Montagnachmittag der ermordeten Kollegin Jo Cox, die sich für einen Verbleib des Landes in der Europäischen Union stark gemacht hatte. Die Politikerin war Ende vergangener Woche bei einem Wahlkampfauftritt getötet worden. Sie sei für die Art der Politik ermordet worden, die sie repräsentiert habe, sagte der Abgeordnete Stephen Kinnock. Er hatte sich ein Büro mit Cox geteilt und kannte sie seit 20 Jahren.

Premierminister David Cameron würdigte Cox als „Stimme für die Menschlichkeit“. Zum Zeichen der Trauer hatten sich die Parlamentarier weiße Rosen angesteckt, auch auf dem leer gebliebenen Platz der getöteten Abgeordneten lag eine Rose.

+++ Termin am Freitag: EU berät über Referendumsausgang +++

Die Präsidenten der EU-Institutionen wollen sich am Freitagvormittag der EU-Kommission zufolge zu Beratungen treffen. An dem für 10.30 Uhr geplanten Termin - nach Bekanntwerden des Ergebnisses des Brexit-Refrendums - nehmen neben EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz auch der niederländische Regierungschef Mark Rutte teil, dessen Land derzeit die EU-Ratspräsidentschaft ausübt. Zuvor wollen sich um 08.00 Uhr die Fraktionsspitzen des EU-Parlaments abstimmen, teilte die SPD-Gruppe im Parlament mit.

+++ Mehr Regierungsausgaben gefordert +++

Der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, Larry Fink, hält Investitionen in die Infrastruktur Großbritanniens für dringend notwendig - auch bei einem Verbleib des Landes in der Europäischen Union. Solche Investitionen würden dann auch zu einem Kursplus an der Börse führen. Am Montag profitierten Börsen weltweit von der Wahrnehmung, dass das Pro-Europa-Lager in Großbritannien das Referendum gewinnen dürfte.

+++ Ukip-Wahlkämpfer in Manchester +++

Seit Wochen tourt die rechtskonservative Partei Ukip mit einem lilafarbenen Reisebus durch den Nordwesten Englands, hier der Zwischenstopp in Manchester. In wirtschaftlich vernachlässigten Regionen erhofft sich Ukip viele Stimmen für einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Dennoch gab sich Bill Etheridge, der für Ukip im Europäischen Parlament sitzt, zurückhaltend, was das Ergebnis des Referendums am Donnerstag betrifft: „Ich würde da nichts darauf wetten, alles liegt so eng beieinander.“ Der Mord an der europafreundlichen Labour-Abgeordneten Jo Cox werde seiner Einschätzung nach das Wahlergebnis nicht beeinflussen. „Das hat mit der Kampagne gar nichts zu tun“, sagt er. Interessant nur, dass sein Parteifreund Paul Nuttal mit einer Mitarbeiterin im Bus genau die Konsequenzen aus dem Attentat im Bus diskutierte.

Dass ein Journalist vom Handelsblatt das Gespräch zufällig mithörte, hatte er nicht bemerkt. Nuttal sitzt ebenfalls im Europaparlament und ist Vize-Parteichef. Auf die Frage, ob sich jetzt die Stimmung im Land in Richtung Verbleib des Landes gedreht habe, sagte Etheridge: „Die Umfragen sagen, dass zehn Prozent der Leute noch unentschieden sind. Es liegt jetzt an uns, die noch in den letzten Tagen zu überzeugen.“

+++ Trauerzug für Jo Cox +++

In seltener Einigkeit haben die britischen Parlamentarier für Montag eine Sondersitzung zu Ehren der ermordeten Politikerin Jo Cox angesetzt. Am Nachmittag war eine Gedenkstunde für die Labour-Abgeordnete geplant, nach deren Tod das politische Leben in Großbritannien tagelang stillgestanden hatte.

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+++ Geht Autonarren ein Brexit am Auspuff vorbei? +++

Es ist eine Schicksalsfrage der britischen Nation: Bleiben oder Gehen? Am 23. Juni sind die Wahlberechtigten unter den 64 Millionen Briten aufgefordert, diese wichtige Frage zu beantworten. Wenn also der britische Autohersteller Jaguar-Land-Rover an diesem Montag für den 23. Juni zu einer Pressekonferenz einlädt, horcht das Land auf. Will der wichtigste Autokonzern der Insel möglicherweise einen letzten flammenden politischen Appell loswerden? Nein, der Anlass ist viel profaner: Das Goodwood Festival of Speed in Südengland.

Das Festival, eine der prestigeträchtigsten Motorsportveranstaltungen der Welt, die jedes Jahr rund 180.000 Besucher anlockt, hat sich nämlich einen bemerkenswerten Termin für seinen Start ausgesucht: den 23. Juni. Schon fragen sich besorgte Briten, ob die Veranstaltung vielleicht ein heimtückischer Versuch ist, ausgerechnet die britischen Autonarren von der Wahlurne fernzuhalten? Doch politische Motive dürfen dem motorsportbegeisterten Lord March, der Goodwood jedes Jahr veranstaltet, wohl kaum unterstellt werden. Der Termine für das Festival wurde bereits im vergangenen November festgelegt – drei Monate vor der Verkündigung des Wahltermins für das Referendum. Bleibt nur zu hoffen, dass die Autofans nicht nur etwas von PS verstehen, sondern auch von Briefwahl.

+++ Nissan will gegen „Leave“-Kampagne vorgehen +++

Der japanische Autobauer Nissan will juristisch gegen Brexit-Befürworter vorgehen. Das Unternehmen wirft ihnen vor, das Firmenlogo unrechtmäßig für Informationsmaterial verwendet zu haben.

+++ Harry-Potter-Autorin wirft „Leave“-Kampagne Nazi-Methoden vor +++

Seit Monaten plädiert J.K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Buchreihe, für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Am Montag hat sie auf ihrer Homepage ausführlich ihre Meinung begründet. Hauptkritikpunkt ist die Unglaubwürdigkeit der Brexit-Kampagne. Dem Vorsitzenden UKIP-Partei, Nigel Farage, wirft Rowling Propaganda im Stile der Nazis vor. Der hatte vor einem Plakat mit einem Flüchtlingsstrom posiert und so vor einer Einwanderungswelle bei einem Votum zugunsten der EU-Mitgliedschaft gewarnt. Bei der Pose handele es sich um eine „fast exakte Kopie der von Nazis eingesetzten Propaganda“, so die Autorin.

„Meine Werte sind nicht durch Grenzen beschränkt“, schreibt Rowling und kritisiert den strammen Nationalismus der Leave-Befürworter. Auch wenn die Europäische Union nicht perfekt sei, sei die Kritik der Gegenseite nicht fundiert.

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