London-Tagebuch
Endergebnis – Briten stimmen für EU-Austritt

Großbritannien sagt sich von der Europäischen Union los. Nach einer langen und spannenden Wahlnacht steht nun fest: Die Brexit-Befürworter haben das Referendum mit 51,9 Prozent der Stimmen gewonnen. Das Liveblog.

+++ Das Endergebnis steht fest +++

Alle 382 Wahlbezirke sind ausgezählt, nun sind die offiziellen Zahlen da: Die Briten haben beim Referendum mit 51,9 Prozent für einen Austritt aus der EU gestimmt. Das Lager der Austrittsgegner unterlag mit 48,1 Prozent der Stimmen.

+++ Austritts-Befürworter in London +++

Die tiefe Anti-EU-Stimmung im Land zeigt sich selbst in den wenigen Flecken des Landes, die unterm Strich für einen Verbleib in der Staatengemeinschaft stimmten: „Ich habe für Leave gestimmt“, sagt ein Taxi-Fahrer in London am frühen Freitagmorgen zu unserer Reporterin Anke Rezmer. Warum? „Weiß nicht so genau. Meine Kollegen haben es auch getan.“

Die spannendsten Beiträge, die Handelsblatt-Reporter unter dem Hashtag #handelsblattUK geteilt haben
Lukas Bay
Ina Karabasz
Orange im Morgenmagazin
Carsten Herz: Schlechtes Wetter
Moritz Löhr im HB
Franziska Bluhm: Nachgefragt
Andreas Dörnfelder
Lukas Bay: “Wir sollten ein Teil der Familie bleiben”
Christoph Kapalschinski
Franziska Roscher, Global JO Cox memorial
Corinna Nohn
Kevin O Brien mit dem Ryanair-Chef
Donata Riedel
Christian Rickens
Johannes Steger
Jessica Schwarzer und Nicole Bastian
Michael Brächer
Lukas Bay
Nicole Bastian und die Paddington Station
Michael Brächer
Johannes Steger für Frederike von Tucher

+++ Eindrücke aus dem Londoner Finanzviertel +++

Reporterin Yasmin Osman ist in Canary Wharf unterwegs, dem Finanzviertel Londons. Dort steht den Bankern ein turbulenter Tag bevor. Viele Menschen, die die U-Bahn-Station verlassen, bleiben erst einmal vor dem großen Laufband mit den Reuters-Nachrichten stehen und fotografieren es, wenn eine der Brexit-Nachrichten vorbeiflimmert. „Ich muss das erst einmal verdauen“, sagt ein West-Londoner. „Es ist frustrierend, wir Londoner wollten doch bleiben. Und jetzt siegen die anderen - und auch noch so knapp.“

„Unglaublich“, kommentiert ein älterer Banker das Ergebnis. Er habe nicht damit gerechnet. Ob das dem Finanzplatz London schaden wird? „Es wird der ganzen britischen Wirtschaft schaden.“

Unverständnis zeigt auch ein anderer Banker. „Was für ein dummes Ergebnis“, sagt der 35-Jährige. Er hat sich eine kleine Kaffeepause gegönnt, in einer Hand den Pappbecher, in der anderen Hand eine Zigarette. „Das berührt mich, so ganz persönlich. Du denkst, Du bist integriert - und dann so ein Ergebnis“, sagt er - und klingt dabei sehr bitter. Er ist Londoner mit indischen Wurzeln. 

Die Finanzmärkte hat das Ergebnis völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Die Erklärung des Bankers: „Die Märkte haben sich auf die Buchmacher verlassen - und die haben die Wahrscheinlichkeit für einen Verbleib bei 80 Prozent gesehen.“

„Das ist ein echt großes Ereignis, das bestimmt große Auswirkungen haben wird - aber es lässt sich noch nicht sagen, wie die aussehen.“

Jason Alfredos lebt in Canary Wharf und arbeitet in der Werbeindustrie. Sein Kommentar: „Ich bin stolz, ein Londoner zu sein, aber ich schäme mich, Brite zu sein“. Alfredos wünscht sich nun Londons Unabhängigkeit von Großbritannien, weil die Londoner in so vielen Dingen anders denken als der Rest Großbritanniens.

+++ Jubel in Manchester +++

Unser Reporter Martin Wocher berichtet aus Manchester, wo Leave-Anhänger geradezu enthusiastisch feiern: „Endlich bekommen wir die Kontrolle über unsere Grenzen und unsere Wirtschaft zurück“, sagt Richard Patient.  Er hat bereits die Wahlparty in der Town Hall verlassen, obwohl das nationale Endergebnis voraussichtlich erst um sieben Uhr Ortszeit (8 Uhr MESZ) hier in Manchester bekannt gegeben wird. „Jetzt können wir wieder selbst bestimmen, wofür wir unser Geld ausgeben“, sagt Patient.

Es ist der große Frust über viele Dinge des täglichen Lebens, die aus Sicht vieler Menschen nicht mehr funktionieren: Steigende Hauspreise, Kampf um die Jobs, Einwanderung. „Jetzt können wir die Jobs wieder zurückholen, die alle nach China abgewandert sind“, sagt eine Passantin, die am frühen Morgen mit einem hochgereckten Daumen vorüber geht.

Patient ist zuversichtlich, dass die Folgen für Großbritannien gar nicht so schlimm ausfallen werden: „wir gehen, aber sehr freundlich. Deutschland und Frankreich bleiben Freunde und Alliierte.“

Deutlich weniger positiv klingt John Ault, der als Wahlbeobachter an der Wahlparty teilgenommen hat: „Das Ergebnis ist schrecklich. Die Menschen haben einfach nicht verstanden, warum es ging.“

+++ Was wird aus Premier Cameron? +++

Premierminister David Cameron will sich am Vormittag an seinem Amtssitz in der Downing Street Nr. 10 zum Referendum äußern. Es wird über einen Rücktritt spekuliert. Nach den Worten eines führenden Vertreters des Brexit-Lagers sollte Cameron aber zunächst im Amt bleiben. Es gehe darum, den Wählern in Schottland und Nordirland Sicherheit zu vermitteln und die Märkte zu beruhigen, sagte der konservative Abgeordnete Andrew Bridge.

+++ Reaktionen: Jubel im Brexit-Lager, Entsetzen in Europa +++

Ukip-Chef und Brexit-Befürworter Nigel Farage spricht vom „Unabhängigkeitstag“ Großbritanniens, die Partei von Premier David Cameron fürchtet den Machtverlust. Die G7-Staaten berufen eine Krisen-Telefonkonferenz ein, Ökonomen warnen vor schweren Verwerfung. Lesen Sie die aktuellsten Reaktionen auf das Brexit-Votum hier.

+++ BBC: Großbritannien tritt aus der EU aus +++

Das Vereinigte Königreich tritt aus der Europäischen Union aus. Der Vorsprung des Brexit-Lagers sei nun uneinholbar, berichtete die BBC am Freitagmorgen.

+++ Zwischenstand um 6:48 Uhr deutscher Zeit +++

Nur noch wenige Bezirke stehen zur Auszählung, wie unsere interaktive Karte zeigt. Zuletzt hinzugekommen sind Brighton & Hove (Remain), Cheltenham (Remain) und Broadland (Leave). Die BBC-Prognose für das knappe Endergebnis lautet: 52 Prozent für Leave, 48 Prozent für Remain.

+++ Brexit-Lager hat eine Million Stimmen Vorprung +++

Der Vorsprung der Brexit-Befürworter ist auf mehr als eine Million Stimmen angewachsen. Nur noch 40 der 382 Wahlbezirke sind auszuzählen.

+++ Hohe Wahlbeteiligung beim Referendum +++

Mit knapp 72 Prozent war die Wahlbeteiligung höher als bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr (66,1 Prozent). Allerdings kommt das EU-Referendum nicht an die Volksabstimmung der Schotten über ihre Unabhängigkeit 2014 heran: Damals hatten sich 84,6 Prozent beteiligt und mehrheitlich gegen den Abschied aus dem Vereinten Königreich gestimmt.

Brexit
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%