Börse und Brexit
Die Märkte haben sich bereits entschieden

An den Börsen wetten die Investoren auf ein Ja der Briten zur EU. Doch die Angst der Finanzwelt ist damit noch nicht verschwunden.

LondonAm Schicksalstag der Briten haben sich die Investoren bereits entschieden: Sie setzen darauf, dass das Vereinigte Königreich in der EU bleiben. Dax und EuroStoxx50 legten bis Donnerstagnachmittag in der Spitze je 2,7 Prozent auf 10.340 und 3057 Punkte zu. Der Londoner Auswahlindex FTSE gewann bis zu 1,9 Prozent. Das Pfund Sterling wertete um 1,6 Prozent auf und notierte erstmals seit Dezember 2015 wieder über 1,49 Dollar.

Aber all dieser Optimismus konnte die enorme Nervosität nicht überdecken. Adam Jepsen vom Broker Financial Spreads bringt die Stimmung auf den Punkt: „Obwohl das Brexit-Votum der gefährlichste Moment an den Märkten ist, an den ich mich erinnern kann, sind einige Anleger bereit Risiken einzugehen“. Allzu viele Investoren waren das allerdings nicht, die Umsätze blieben gering. „Das könnte die Ruhe vor dem Sturm sein“, warnt Jepsen. Einige Investoren wie der prominente Spekulant George Soros fürchten sogar einen „schwarzen Freitag“, sollte es zum Brexit kommen.

In einem Punkt sind sich die meisten Experten einig: Stimmen die Briten gegen Europa, rauscht das britische Pfund in den Keller, weil Investoren ihr Geld panikartig aus Großbritannien abziehen könnten. „Die Kapitalabflüsse dürften enorm sein“, sagt Samuel Tombs vom Forschungsinstitut Pantheon Macroeconomics. Ein Absturz des Wechselkurses bis auf 1,10 Euro wäre zu erwarten, an den Börsen ginge es bergab, und Kurse von Staatsanleihen gerieten ins Schlingern.

Das schlimmste Szenario: Der Zugang für die Briten zu fremden Währungen trocknet völlig aus, weil ausländische Banken nicht mehr bereit sind, gegen das taumelnde Pfund Devisen anzubieten. Das würde vor allem Unternehmen schaden, die stark vom Außenhandel abhängen - was wiederum die gesamte Wirtschaft empfindlich treffen dürfte. Einen solchen Crash an den Märkten wollen die Notenbanken allerdings mit aller Kraft verhindern.

Einige der weltweit wichtigsten Zentralbanken – darunter die EZB und die Bank of England – haben untereinander sogenannte Swap-Linien vereinbart. Das bedeutet: Bei Bedarf können die Währungshüter im Handumdrehen Milliardenbeträge in ihren jeweiligen Währungen gegeneinander tauschen und dadurch den womöglich ausgetrockneten Markt zwischen den Banken ersetzen. Die Versorgung der Bewohner des eigenen Währungsraums mit Devisen kann so gesichert werden. Ähnlich waren die Notenbanker in der Finanzkrise vorgegangen.

Die asiatischen Börsen werden die ersten sein, die auf das Brexit-Votum reagieren können. Doch auch in Frankfurt und Paris sind viele Handelssäle schon früher besetzt, die großen Banken in der Londoner City sind auf eine Nachtschicht eingestellt. Kommt es so, wie, die Märkte derzeit prognostizieren und die Briten bleiben in der EU könnte es zu einer Erleichterungsrallye an den Börsen kommen.

Das Pfund Sterling hat binnen einer Woche schon um rund neun US-Cent aufgewertet. Denn an den Märkten wird seit der Ermordung der Brexit-Gegnerin Jo Cox ein Stimmungsumschwung zugunsten der EU-Anhänger gesehen. Im Windschatten des Pfund Sterling legte der Euro rund einen US-Cent auf ein Sechs-Wochen-Hoch von 1,1421 Dollar zu.

In einer Erhebung von Ipsos Mori für den „Evening Standard“, die am Mittwoch abgeschlossen wurde, kamen die EU-Anhänger auf 52 Prozent und das Brexit-Lager auf 48 Prozent. Ein ähnliches Bild zeichneten vier weitere Umfragen. In den Wettbüros lag die Quote für einen Verbleib des Landes bei 86 Prozent. Mit dem offiziellen Ergebnis des Referendums wird ab 8 Uhr am Freitag gerechnet. Die 46,5 Millionen Wahlberechtigten können bis 23 deutscher Zeit ihre Stimme abgeben.

Noch aber hängt die Brexit-Drohung wie ein Damokles-Schwert über der gesamten Weltwirtschaft. Premierminister David Cameron warnte für Großbritannien für den Fall eines EU-Ausstiegs bereits vor einer Rezession. Der Chef-Stratege der Ratingagentur Standard & Poor‘s für die Länder-Bewertung, Moritz Kraemer, sagte der "Bild"-Zeitung, sollten die Briten für einen Austritt stimmen, wäre das "AAA"-Spitzenrating des Landes „fällig und würde innerhalb kurzer Zeit danach zurückgestuft".

Aber auch für die deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel, denn Großbritannien ist einer der wichtigsten Handelspartner. Mit einem Exportvolumen von knapp 90 Milliarden Euro setzte Deutschland im vergangenen Jahr so viele Waren im Vereinigten Königreich ab wie nie zuvor. Clemens Fuest, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo sieht den Brexit als größtes Risiko für die heimische Konjunktur. „Für Deutschland erwarten wir, dass es schlimmstenfalls zu einem langfristigen Wachstumsverlust von drei Prozent kommt", warnte Fuest vor ein paar Tagen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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