Boris Johnson Mr. Brexit schockt das eigene Lager

Boris Johnson liebt es, zu schockieren. Das Joch der Regierungsverantwortung will er aber lieber nicht tragen. Nun werden Spekulationen laut, „Mr. Brexit“ habe eigentlich auf ein ganz anderes Szenario gesetzt.
Es gibt Stimmen, die meinen, Johnson habe vor der Abstimmung persönlich nicht wirklich mit dem Brexit gerechnet. Quelle: AFP
Boris Johnson

Es gibt Stimmen, die meinen, Johnson habe vor der Abstimmung persönlich nicht wirklich mit dem Brexit gerechnet.

(Foto: AFP)

LondonAllein der Auftritt des Boris Johnson an diesem Donnerstag ist Hollywood-reif. Um Mittag endet die Bewerbungsfrist für die Nachfolge von Premier David Cameron. Buchstäblich bis zur letzten Minute wartet „Mr. Brexit“, bis er vor die Kameras tritt. Lange spricht er, geschickt erhöht er die Spannung, lobt seine Erfolge als Londoner Bürgermeister, genießt den Applaus des Publikums, beschreibt die goldene Zukunft, die jetzt vor Großbritannien liegt.

Doch dann, am Ende seiner Rede, beiläufig beinahe, lässt er die Bombe platzen. Er sei nicht derjenige, der das Land nach dem EU-Referendum führen sollte. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, diese Person kann ich nicht sein“, sagt er.

Einige seiner Getreuen bei der Pressekonferenz brechen in Tränen aus. Millionen Briten, die vor einer Woche „Austritt“ gewählt haben, können sich nur die Augen reiben – ihr Idol kneift. Die Frage steht: Ist Johnson die „Drecksarbeit“ nach dem Brexit zuviel? Scheut er eine Schlappe bei der Wahl?

Neue Super-Wahl in Großbritannien
David Cameron
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Der Noch-Premier: Nachdem die Briten für den Brexit gestimmt haben, kündigte Cameron seinen Rücktritt für September an. Fünf Kandidaten sind scharf darauf, ihn zu beerben. Sie werden sich in mehreren Wahlen den konservativen Abgeordneten stellen, wobei jeweils derjenige mit den wenigsten Stimmen aus dem Bewerberfeld ausscheidet. Am Dienstag findet die erste Wahl statt. Weitere Wahlgänge folgen am Donnerstag und am 12. Juli.

Die dann übrig gebliebenen zwei Kandidaten werden in einer Urabstimmung unter den 150.000 Parteimitgliedern antreten. Voraussichtlich am 9. September soll der Name des neuen Partei- und Regierungschefs verkündet werden.

Boris Johnson
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Der Ex-Favorit: Er war ein Anführer der Brexit-Debatte und galt damit auch als der Top-Kandidat für das Amt des Premierministers. Doch der Hardliner Johnson, der die EU seit Jahren kritisiert, erklärte wenige Tage nach dem Referendum überraschend, dass er nicht Camerons Nachfolger werden will. Vielleicht liegt es daran, dass er einige seiner Ankündigungen, die unter anderem zum Brexit geführt haben dürften, zurücknehmen musste.

Stephen Crabb
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Der Außenseiter: Auch wenn er als erster seine Kandidatur bekannt gab, werden dem 43-jährigen Arbeitsminister wenig Chancen auf Camerons Nachfolge eingeräumt. Der Befürworter für einen EU-Verbleib ist erst seit dem Rücktritt von Iain Duncan Smith im März im Amt, davor war er als Minister für Wales zuständig. Crabb stammt aus Wales, er wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung auf - ein ungewöhnlicher Lebenslauf in einer Partei, die von manchen als elitär kritisiert wird. Seine Kollegen schätzen den bekennenden Christen als liebenswürdig und gewissenhaft, zweifeln aber an seinen Führungsqualitäten.

Liam Fox
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Der zweite Außenseiter: Der ehemalige Verteidigungsminister und notorische Euroskeptiker gehört dem rechten Lager der Tories an. 2011 musste er wegen zweifelhafter Beziehungen zu einem befreundeten Lobbyisten sein Amt niederlegen. Vor elf Jahren hatte sich Fox schon einmal für das Amt des Premierministers beworben, den Sieg trug allerdings Cameron davon. Der 54-jährige ehemalige Arzt gilt als Außenseiter, kann aber auf die Unterstützung einiger Hardliner bei den Tories zählen.

Andrea Leadsom
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Die Energische: Weil sie in ihren TV-Auftritten während der Brexit-Debatte so gut überzeugen konnte, gilt sie laut der britischen Zeitung „Mirror“ als „shining light“.

Die Staatsekretärin im Energieministerium kündigte ihre Kandidatur auf Twitter unter dem Hashtag #FreshStart (Neustart) und mit der Aufforderung an, das „Beste aus den Möglichkeiten des Brexit“ zu machen. Die 53-jährige ehemalige Bankerin und Fondsmanagerin gehörte zu den führenden Vertreter des „Leave“-Lagers. Nach dem Votum vom 23. Juni rief sie zur Feier von Großbritanniens „Unabhängigkeit“ auf.

Michael Gove
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Der 48-jährige Justizminister hat mit seiner Kandidatur für allgemeine Überraschung gesorgt. Der ehemalige „The Times“-Journalist war unter Cameron bis 2014 Bildungsminister, nach der Wahl 2015 leitete er das Justizressort. Gove ist ein enger Freund und langjähriger Weggefährte Camerons - seine Entscheidung, dem Brexit-Lager beizutreten, war ein schwerer Schlag für den Tory-Chef.

Im Gespann mit Brexit-Wortführer Boris Johnson galt Gove als der nüchternere, intellektuellere Vertreter der „Leave“-Kampagne. Mit seiner überraschenden Kandidatur als Cameron-Nachfolger erzwang Gove den Verzicht des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Johnson auf das Amt. Im Falle seiner Wahl zum Premier will Gove nach eigenen Worten nicht vor dem kommenden Jahr den EU-Austritt einleiten.

Theresa May
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Die Innenministerin hat nach den Quoten der Buchmacher die besten Chancen, Nachfolgerin von Cameron zu werden. Dabei trat die 59-jährige May für den Verbleib in der EU ein. Die Tochter eines Vikars der Anglikanischen Kirche steht seit sechs Jahren an der Spitze des Innenministeriums. Sollte sie die nächste Regierungschefin werden, will May im Rahmen eines neuen Handelsabkommens mit Brüssel die Einwanderung von EU-Bürgern begrenzen. Das Votum der Briten für einen EU-Austritt sei auch eine deutliche Botschaft gegen die geltende Freizügigkeit gewesen, sagt die Favoritin in der Bewerberschar. Gleichzeitig bekräftigte May, dass es keinen „Zeitraum“ für den Brexit gebe. Vor dem Referendum hatte sie für einen Verbleib Großbritanniens in der EU geworben, sie spielte aber während der Kampagne keine prominente Rolle. May empfiehlt sich der zerstrittenen Partei als Figur des Ausgleichs.

Zeitweise schien die Nachfolgefrage schon so gut wie gelaufen, der Ex-Bürgermeister als klarer Favorit, dem niemand im Tory-Lager das Wasser reichen kann. Besitzt der Mann mit den weißblonden Strubbel-Haaren nicht alle Vorteile, die man für Rennen um Downing Street 10 braucht? Beim Volk gilt er als extrem populär, vor Kameras macht er eine Top-Figur, Reden kann er wie nur wenige – und schließlich war er das Gesicht des „Brexit-Lagers“, für den Sieg des „Nein“ zu Europa maßgeblich verantwortlich.

Doch dann, am Donnerstagmorgen, genau eine Woche nach dem Votum, kommt Gegenwind auf. Nicht nur, dass mit Justizminister Michael Gove und Innenministerin Theresa May zwei starke Konkurrenten ihre Kandidatur anmelden.

Sie haben zugleich den Dolch im Gewand, sprechen Johnson rundweg Führungsfähigkeit und Charakter ab. „Ich kenne einige Politiker, die hohe Posten anstreben, weil sie von ideologischer Inbrunst getrieben sind“, sagt May vor laufenden Kameras.

May spricht die Worte ganz ruhig – doch sie weiß, dass sie in Wahrheit ein Stich in Johnsons Rücken sind. Ein Ideologe und Überzeugungstäter in Downing Street 10 – für die pragmatischen und unideologischen Briten schlichtweg ein Unding.

Plötzlich wird Johnsons Schwäche, die im Tohuwabohu des Wahlkampfs so gerne übersehen wurde, zum Problem. Der Populist Es gibt Spekulationen, „Mr. Brexit“ habe auf ein ganz anderes Szenario gesetztist unter den Tory-Abgeordneten gar nicht sonderlich populär, hat keine echte Hausmacht. Hier können Gove und May zu gefährlichen Gegnern werden.

Doch gibt es auch tiefere Gründe, stehen ganz andere Motive hinter dem Kneifen? War der wortmächtige „Mr. Brexit“, der sonst keine Kamera auslässt, nicht nach dem Votum abgetaucht – so, als müsste er erst einmal selbst das Ergebnis verdauen?

Es gibt Stimmen, die meinen, Johnson habe vor der Abstimmung persönlich nicht wirklich mit dem Brexit gerechnet, nicht geglaubt, dass das Referendum mit einem Sieg der EU-Gegner endet.

Es gibt Spekulationen, „Mr. Brexit“ habe auf ein ganz anderes Szenario gesetzt: Die EU-Befürworter gewinnen knapp, um die Partei zu versöhnen, bildet Cameron sein Kabinett um – und Johnson kriegt einen hohen Posten. Ganz nebenbei würde er damit aussichtsreicher Kandidat für die nächsten Wahlen.

Bemerkenswert: Bereits in der Wahlnacht hatten Johnson und rund 80 Tory-Abgeordnete Cameron in einem Brief aufgerufen, auch bei einem Brexit-Sieg im Amt zu bleiben. Mehr noch, Johnson schlug vor, Cameron solle die unangenehmen Austrittsverhandlungen mit Brüssel führen – als wolle sich Johnson mit einer solchen Kärrnerarbeit nicht die Hände schmutzig machen.

  • dpa
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