Brexit-Angst
Briten stürmen die Wechselstuben

Am Tag des Brexit-Referendums herrscht in den britischen Wechselstuben erneut Hochbetrieb. Die Brexit-Sorgen erhöhen die Summen, die eingetauscht oder ins Ausland geschickt werden. Vor allem eine Währung ist gefragt.
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LondonNormalerweise hätte sie das Geld erst am Monatsletzten ihrer Familie in der Türkei geschickt. „Diesen Monat hab ich aber schon einmal eine kleinere Summe überwiesen, heute kommt die zweite Überweisung“, erzählt Didem. Die junge Türkin lebt seit zwei Jahren in London und arbeitet als Kellnerin.

An diesem Junitag steht sie morgens in einer Western-Union-Filiale im Norden von London und schickt ihren Eltern einen Teil ihrer Ersparnisse: „Ich will nicht, dass der Brexit noch stärker schrumpft, was ich mir hier hart erarbeitet habe“, sagt sie.

Das britische Pfund hat in den vergangenen Monaten gegenüber einer ganzen Reihe von Währungen an Wert verloren. Wenn die Mehrheit der Briten an diesem regnerischen Donnerstag für einen Abschied ihres Landes aus der Europäischen Union stimmt, dürfte ein noch tieferer Einbruch folgen, sagen Wirtschaftsexperten voraus.

Die Sorge bereitet Finanzdienstleistern und Wechselstuben in London derzeit deutlich mehr Arbeit als sonst. Die Summen, die die Kunden wechseln oder ins Ausland verschicken, werden höher, die Schlangen vor den Schaltern länger. Die britische Post meldete am Mittwoch einen Anstieg im Devisenhandel von 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auf dem Onlineportal UK Post Office sei die Nachfrage nach Fremdwährungen sogar um mehr als 380 Prozent gestiegen.

„Normalerweise tauschen Kunden im Schnitt 300 Pfund um, heute sind es zwischen 400 und 500 Pfund“, erzählt die Mitarbeiterin einer Wechselstube im Herzen der Londoner City. Während am Mittwoch noch Euro und Dollar gleichermaßen gefragt gewesen seien, wollten die meisten Kunden heute Euro haben - und fast jeder rede mit ihr über das Referendum. „Das Thema bewegt die Leute sehr.“

Peter – ein älterer Brite in Sakko, Stoffhose und mit Aktenkoffer – steht vor ihrem Schalter. Er reist in den nächsten Tagen nach Spanien. „Ich fahre zwar noch nicht heute, aber ich tausche lieber schon einmal Geld um, weil morgen der Kurs schlechter sein könnte“, sagt der Rentner. In Spanien besitzt er ein Ferienhaus, regelmäßig fährt er daher in das südeuropäische Land.

Man könnte vermuten, er sei daher in jedem Fall für den EU-Verbleib. „Nein“, sagt Peter. Er sei für den Brexit. Seine Begründung: „Die Konsequenzen werden so spät spürbar sein, dass ich das eh nicht mehr erleben werde“, sagt er.

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Kommentare zu " Brexit-Angst: Briten stürmen die Wechselstuben"

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  • Wieder wird ein Verschwörungsfreund widerlegt......ach ist das schön.

    Sorry Otto, aber für Dich stürzt jetzt eine Weltanschauung ein

  • Bitte keine Panik ! Die Briten werden in der EU bleiben und viele Briten werden ihren Job in Brüssel nicht verlieren.
    Die EU kann nun zur Tagesordnung übergehen und sich voll bestätigt fühlen ?
    Nichts wäre für die EU tödlicher, weil dieses Referendum Probleme aufzeigt, für die dringend Lösungen gefunden werden müssen. ("Flüchtlingskrise", Absicherung der EU-Außengrenzen etc.etc.)

  • Die Briten mögen stürmen aber am Wechselkurs sieht man fast nix. Die Ami-Aktien
    steigen dafür, na ja, bei der desolaten EU kein Wunder.

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