Brexit-Debatte
Der Staatsmann und der Stänkerer

Gut zwei Wochen vor dem Brexit-Votum liefern sich der britische Regierungschef David Cameron und der rechte Ukip-Boss Nigel Farage ein erstes großes TV-Duell. Über den Sieger der Debatte sind sich die Briten uneins.

LondonDer Rahmen ist eng gesetzt, die Regeln minutiös definiert. Erst wird Nigel Farage eine halbe Stunde befragt, erst danach David Cameron. Eine lebendige Diskussion zwischen dem rechten, europaskeptischen Ukip-Chef sowie dem britischen Premierminister ist nicht vorgesehen. Stattdessen darf das Publikum beim ersten großen TV-Gipfel im britischen Fernsehen zum EU-Referendum Fragen an die beiden Spitzenpolitiker stellen.

Doch wer denkt, dass allein schon das strenge Regelwerk in der Nacht zum Mittwoch für gepflegte Langeweile auf den Bildschirmen sorgt, der sieht sich getäuscht. Schon nach wenigen Minuten geht es hoch her. Als eine Zuschauerin Farage das Zitat von EU-Präsident Jean-Claude Juncker vorhält, Großbritannien werde im Fall eines Brexits als Deserteur behandelt, geht der Ukip-Chef steil. „Wir sind Briten“, ruft er aus. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, schon gar nicht von einem Mann, der nicht mal demokratisch gewählt ist.“

Der Staatsmann und der Stänkerer. Schon früh ist damit der Akkord gesetzt, mit dem die beiden Kontrahenten in diesem Fernduell in den folgenden 60 Minuten zu punkten versuchen. Cameron, in dunklem Anzug mit dunkelblauer Krawatte, bemüht sich, staatsmännisch aufzutreten, unterstützt seine Rede immer wieder mit Gesten seiner Hände, blickte ernst und bedankte sich für jede Frage, die aus dem Publikum kommt.

Farage, ein absoluter Gegner der Europäischen Union, übt sich dagegen in der Rolle des Angreifers. Der Brite setzt sich gerne als Mann aus dem Pub von nebenan in Szene, das Wort Populist dürfte er in diesem Sinne eher als Kompliment denn als Schimpfwort auffassen. Mit Leidenschaft trommelt er für den britischen EU-Ausstieg – bekommt für seine Position – ebenso wie Cameron - allerdings auch viel Widerspruch aus dem Publikum zu hören.

Wochenlang hatte Downing Street No. 10 um die Modalitäten der Debatte gerungen. Die Konservativen wollten verhindern, dass sich Cameron live im Fernsehen in einen Bruderkampf mit anderen Schwergewichten seiner Partei verwickelt. So wollte der Premier weder mit seinem ärgsten Widersacher in der eigenen Partei, dem Brexit-Wortführer und früheren Londoner Bürgermeister Boris Johnson, noch mit seinem Justizminister Michael Gove, der als intellektueller Kopf der Leave-Kampagne gilt, verbal die Klinge kreuzen. Zu sehr hätte die Debatte offengelegt, wie tief der Riss in der Schicksalsfrage durch die regierende Tory-Partei geht.

Doch mit Farage gerät Cameron nun in der Debatte, die der britische Privatsender ITV veranstaltete, an einen unangenehmen Gegner. Denn der Rechtspopulist ist für seine schnörkellose Sprache, seine populistischen Sprüche und sein breites Lachen berüchtigt – und davon machte er auch in der Nacht zum Mittwoch durchaus Gebrauch.

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