Brexit-Debatte in Oxford
Gespaltene Elite der Zukunft

Der Club der Visionäre: Was eint Großbritanniens Premier David Cameron und seinen Brexit-Widersacher Boris Johnson? Beide studierten in Oxford. Heute streiten dort ihre Nachfolger über die Zukunft des Landes.

LondonOb er sich nochmal umentscheiden könne, fragt Student Harrison Edmonds den Kellner. „Wenn ich jetzt auch noch Fish and Chips esse, erfülle ich ja vollkommen das britische Klischee“, erklärt der Brexit-Befürworter und Präsident der Oxford University Conservative Association. Er sitzt im King’s Arms Pub in Oxford, trägt einen Dreiteiler und blickt streng über seine kantige Brille.

Es fällt schwer, dem Stereotypen des britischen Traditionalisten zu widerstehen. „Natürlich geht es im Referendum um Patriotismus und britische Identität, nur darüber sprechen wir nicht gerne“. Deshalb hält er sich lieber zurück, hofft im Stillen. Wartet ab und trinkt Tee, könnte man vermuten.

So wie Harrison geht es den meisten Oxforder Brexit-Befürwortern. Gerade an jener Universität, an der das halbe britische Kabinett und fast alle wichtige Protagonisten der Brexit-Debatte studiert haben, offenbart sich, wie tief der Graben zwischen den beiden Lagern ist. In den Vorlesungsräumen der altehrwürdigen Uni trifft der hippe Londoner Liberalismus auf den konservativen Traditionalismus mit Familienwappen. Im Kern der Debatte geht es hier nicht um Wirtschafts- oder Souveränitätsargumente, sondern um den Streit um die britische Identität. Doch das will kaum einer öffentlich zugeben.

Jeden Samstag um 19 Uhr trifft sich „Vote Leave Oxford“ im King’s Arms, angeblich Winston Churchill’s Lieblingspub. Ein signiertes Porträt von ihm thront über dem Tresen. Etwa zwanzig Aktivisten sind heute gekommen. Die meisten trinken aber lieber ein italienisches Peroni, anstatt des warmen Ales. „Man kann sich auch europäisch fühlen, ohne Teil der EU zu sein“, erklärt Paul. Er war bis vor Kurzem Labour-Mitglied, doch dann kam das Referendum.

Sein rotes Shirt mit dem Aufschrift „Vote Leave, Take Control“ ist schon ein wenig verwaschen. „Seit Monaten stehe ich jedes Wochenende auf der Straße und verteile Flyer“. Sie sind alle an einem Tisch im Pub vereint, von UKIP, Conservatives und Labour bis hin zu den Greens. Die anfängliche Skepsis haben sie überwunden. Der Brexit ist längst keine Links-Rechts-Debatte mehr. „Für die einen ist die Queen die britische Kultur, für andere sind es die Sex Pistols - aber sie eint das Gefühl, dass diese Kultur langsam zerbröselt“, erklärt Paul etwas melancholisch.

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