Brexit-Graffiti von Bristol
„In all dem Hass sind wir die Guten“

Boris Johnson küsst Donald Trump – das Graffiti aus Bristol ging um die Welt. Die Macher sind junge Aktivisten, die der Brexit-Debatte eine positive Botschaft entgegensetzen wollen. Die Geschichte hinter dem Kunstwerk.

BristolEs ist ein Bild, das Boris Johnson, den vehementen Brexit-Befürworter im Kuss mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zeigt. „Kuss des Todes“ haben es die Macher getauft. Das Motiv ist eine Reminiszenz an den berühmten Bruderkuss zwischen dem damalige KPdSU-Vorsitzenden Leonid Breschnew und dem DDR-Staatschef Erich Honecker, der einst auf die Berliner Mauer gesprüht wurde. Es ist ein Bild, das zwei große politische Debatten auf eine Szene konzentriert und damit zum Symbol der ganzen Brexit-Debatte geworden ist.

Wenn Zeitungen über den potenziellen EU-Ausstieg der Briten schreiben, ist der Kuss die Kulisse. Am Sonntag trafen sich hier halbnackte Demonstranten, um für den Verbleib in Europa zu werben. In den Straßen von Manchester haben Europafreunde mit dem Kuss ganze Straßenzüge plakatiert. Erdacht wurde er von der Initiative „We are Europe“.

Eine Initiative, die ihre Anfänge in Bristol genommen hat, genauer: in Stokes Croft. Das ehemalige Arbeiterviertel ist der Nukleus der alternativen Bewegung in Bristol und eine Freiluft-Galerie für Street Art. An etlichen Hauswänden hat sich der berühmte britische Künstler Banksy mit seinen Werken verewigt. Die Botschaften sind humorvoll, kritisch, aber vor allem plakativ.

Dass man sich am Ende für ein Graffiti als politisches Werbeinstrument entschied, lag darum auf der Hand. Doch mit einem weltweiten Erfolg haben auch die Macher hinter dem Kunstwerk nicht gerechnet. Geboren wurde die Idee für das Graffiti im „Cafe Kino“ wenige Schritte vom Kunstwerk entfernt. Hier treffen sich Menschen, wie man sie aus den angesagten Stadtteilen in jeder Großstadt kennt. Individualisten, Künstler, freie Autoren vor ihren aufgeklappten Macbooks.

An einem Tisch neben einem Kühlschrank mit Craft Beer und – Klischee lass nach- dem Berliner Hipsterdrink Club Mate saßen vor einigen Monaten auch die Aktivistinnen Bethan Harris und Harriet Kingaby, zwei junge Frauen aus Bristol, und unterhielten sich über die Brexit. Es war eine Statistik, die beide aufhorchen ließ. 75 Prozent aller jungen Briten seien für einen Verbleib in der EU, hatte ein Meinungsforschungsinstitut herausgefunden. Doch nur wenige hätten sich für die Wahl registriert. „Wir saßen an diesem Tisch und dachten, dass man was unternehmen müsste“, erinnert sich Bethan.

Denn die Ansprache der Europafreunde habe vor allem die jungen Menschen nicht erreicht. „Die politische Debatte hierzulande ist vergiftet“, sagt Harriet. Jeder, der sich engagiert habe, sei automatisch mit dem hier wenig beliebten Premierminister Cameron und seiner Bremain-Kampagne in Verbindung gebracht worden. Man habe genug gehabt von all den Verdrehungen und Halbwahrheiten. „In all dem Hass sind wir die Guten“, sagt Harriet, die schon vorher als Kampagnenberaterin tätig war.

Mit der Verbreitung einer guten Idee kennt auch Bethan sich aus. Sie arbeitet für die nachhaltige Strategieberatung „Forum for the Future“. Beide betonen, dass ihre Initiative ohne große finanzielle Hilfe gestartet sei. Gerade die Gründung der Initiative wird von der Kritikern oft infrage gestellt. „Wir waren am Anfang vielleicht dreieinhalb Personen“, sagt Bethan. Eine Freundin habe Kontakte zu Grafikdesignern in London hergestellt. Über WhatsApp habe man sich abgestimmt. Anfangs arbeitete die Initiative noch auf freiwilliger Basis, mittlerweile könne man die Auftragsarbeiten mit Spenden finanzieren. Viele weitere Fürsprecher, unter anderem die ehemalige Vorsitzende der britischen Grünen, Caroline Lucas, haben sich der Initiative mittlerweile angeschlossen.

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