Brexit-Wetten
Warum die Buchmacher so falsch lagen

Das EU-Referendum war die wohl größte politische Wette der britischen Geschichte. Doch diesmal blamierten sich die „Bookies“, die sonst als verlässliche Auguren gelten. Für diese Panne gibt es zwei Erklärungen.

LondonFür Nigel Farage, einen der Köpfe der „Leave“-Bewegung, hat sich das Referendum nicht nur politisch, sondern auch finanziell ausgezahlt. Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei hatte Anfang Juni beim Wettanbieter Ladbrokes 1000 Pfund darauf gesetzt, dass die Briten für einen Brexit stimmen. Eine riskante Wette, die ihm aber nun satte 2500 Pfund Gewinn einbrachte. Als in der Nacht des Referendums die Wahllokale schlossen, war die Wahrscheinlichkeit für „Remain“ bei den Buchmachern noch weiter gestiegen. Im Schnitt lagen die Quoten bei deutlichen 80 bis 90 Prozent. Trotzdem kam es ganz anders.

Dabei hatten sich die „Bookies“ in Großbritannien in den vergangenen Jahren einen Ruf als verlässliche politische Auguren erworben. Denn im Gegensatz zu den etablierten Meinungsforschungsinstituten, die zuletzt voll daneben lagen mit ihren Prognosen – sei es beim Schottland-Referendum 2014 oder den Unterhauswahlen 2015 – hatten die Buchmacher meistens Recht behalten. Beim EU-Referendum aber blamierten sich diesmal auch die „Bookies“ bis auf die Knochen.

Schätzungsweise 80 Millionen Pfund hatten die britischen Wettliebhaber auf „Remain“ oder „Leave“ gesetzt, berichtet die „Sunday Times“. Ladbrokes rechnet mit branchenweit etwa 100 Millionen Pfund Umsatz. Nicht nur historisch gesehen war das EU-Referendum wohl die größte politische Wette aller Zeiten für die Briten.

Bei der Online-Wettplattform Betfair, die inzwischen zum Wettanbieter Paddy Power gehört, übertrumpfte das EU-Referendum sogar den bisherigen Rekordhalter, eine Sportwette. 60 Millionen Pfund wurden diesmal gesetzt und damit mehr als bei Andy Murrays US-Open-Sieg 2012. Ein Zeichen dafür, dass politische Wetten ein immer größerer Markt werden.

Insgesamt liegt der Branchenumsatz der britischen „Bookies“ bei schätzungsweise 6,3 Milliarden Pfund im Jahr. Die Wettindustrie schafft laut Deloitte etwa 100.000 Arbeitsplätze. Rund 9000 lizensierte Wettbüros gibt es auf der Insel, etwa die Hälfte wird laut „Guardian“ von den beiden Rivalen Ladbrokes und William Hill betrieben. Beide sind börsennotiert und machten einen Umsatz von jeweils mehr als einer Milliarde Pfund.

„Wir Buchmacher müssen uns nun harten Fragen stellen“, räumt Matthew Shaddick, Leiter politische Wetten von Ladbrokes, am Tag danach zerknirscht ein. Gleichzeitig verteidigt er die Rolle seiner Zunft: Buchmacher seien nicht dafür da, exakte Vorhersagen über einen Wahlausgang zu treffen. „Wir machen das, weil wir Geld verdienen wollen – und in dieser Hinsicht hat sich das Referendum für uns sehr wohl ausgezahlt.“ So hat Ladbrokes insgesamt vier Millionen Wetten auf das Referendum erhalten. Über den Profit schweigt sich Shaddick aus. An der Börse jedenfalls wurden die Wettanbieter wie auch Meinungsforscher wie YouGov am Freitag erstmal abgestraft. Der Kurs von William Hill fiel zwischenzeitlich um fast zehn Prozent, der von Ladbrokes um fast sechs Prozent.

Warum aber lagen die Buchmacher diesmal so falsch? Es gibt zwei Erklärungsansätze.

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