Britisches Pfund
Im Sog der Meinungsumfragen

Turbulente Zeiten für das britische Pfund: Der Kurs der britischen Währung schwankt im Vorfeld des Brexit-Votums extrem. Das Auf und Ab zerrt an den Nerven der Händler, Experten befürchten sogar Panikreaktionen.

LondonEs klingt beinahe verzweifelt: „Wir haben uns genau angesehen, mit welchen Handelsideen man vom Brexit-Referendum profitieren kann“, sagt Adam Jepsen, Gründer des Brokers Financial Spreads. „Aber die Kursausschläge drohen derart heftig auszufallen, dass das Ergebnis schlimm, heimtückisch oder schlicht desaströs sein könnte.“

Jepsens ernüchternde Analyse betrifft vor allem den Devisenmarkt. Schon seit Tagen schwankt das Pfund im Rhythmus der Prognosen für den Ausgang der Volksabstimmung am 23. Juni. Als in der vergangenen Woche gleich fünf Meinungsumfragen das Lager der EU-Gegner in Front sahen, sackte das Pfund auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten.

Als am Freitag dann der Mord an der Parlamentsabgeordneten Jo Cox die Briten erschütterte und beide Lager ihre Kampagnen für ein paar Tage aussetzten, erholte sich die britische Währung wieder. Am Montagmorgen kletterte das Pfund auf 1,4590 Dollar - ein Plus von 1,6 Prozent und der höchste Anstieg seit sieben Jahren.

Diese Zahlen zeigen, wie extrem die Ausschläge vor dem heiß umkämpften Referendum am Donnerstag sind, und Experten gehen davon aus, dass das Pfund in den kommenden Tagen weiter heftig schwanken wird, je nachdem wie sich die Aussichten vor dem Brexit-Votum verschieben.

In den Meinungsumfragen haben die EU-Freunde zwar in den vergangenen Tagen aufgeholt, die meisten Prognosen sagen aber noch immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Nur in den Wettbüros liegt das Pro-Europa-Camp mit einer Siegchance von 60 Prozent klar vorne. Kathleen Brooks vom Broker Gain Capital glaubt aber, dass das Bremain-Camp, wie die Befürworter des Verbleibs in der EU ihre Kampagne nennen, noch jede Menge Arbeit vor sich hat, um sich den Sieg wirklich zu sichern. Für sie ist die letzte Prognose über den Ausgang der Volksabstimmung am Dienstag vom Meinungsforschungsinstitut Ipso Mori der entscheidende Faktor. Sollten die Gegner eines EU-Ausstiegs einen deutlichen Vorsprung herausholen, könnte das Pfund weiter deutlich an Wert gewinnen.

Das ändert aber nichts daran, dass Brooks für den kommenden Donnerstag und vor allem für den Tag danach mit heftigen Ausschlägen am Devisenmarkt rechnet. „Die lange Wartezeit auf die Ergebnisse könnte eine weitere Welle der Panik auslösen“, warnt sie.

Sollte der Brexit Realität werden, rechnen die Analysten mit einer Flucht aus dem Pfund in sichere Alternativen wie den Schweizer Franken oder den US-Dollar. Die Barings Bank hält mittelfristig eine Abwertung der britischen Währung um 25 bis 30 Prozent für möglich. Kein Wunder, dass die Investoren versuchen, sich abzusichern. Das Volumen solcher Geschäfte hat sich seit Ende März auf 25 Milliarden Pfund mehr als verdoppelt.

Das Endergebnis des Brexit-Votums wird wohl erst am Freitagmorgen zwischen 7.00 Uhr und 8.00 Uhr britischer Zeit vorliegen, wenn alle 382 Wahlbezirke ausgezählt sind. Viel Zeit, um sich Sorgen zu machen, wenn die Abstimmung tatsächlich so eng wird, wie von vielen befürchtet. „Die Nerven der Händler werden extrem angespannt sein“, prophezeit Brooks. Die Währungsstrategin fürchtet, dass wir den Höhepunkt der Kursschwankungen vor dem Referendum noch nicht gesehen haben.

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