David Cameron und der Brexit
Von Geschwafel und Weltkriegen

Dritter Weltkrieg oder globale Rezession? Großbritanniens Premier muss sich in einer Fernsehdebatte vielen merkwürdigen Fragen stellen. Eine Zuschauerin hat die Lacher auf ihrer Seite. Und hat einen Rat an David Cameron.
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LondonHätte er sich bloß nicht so sehr festgelegt: Auf unter 100.000 wolle er die Zahl der Einwanderer senken. Das hat Großbritanniens Premier Cameron seinen Bürgern vor fünf Jahren versprochen. Doch es sind derzeit mehr als 300.000 jährlich, die auf die Insel kommen. „Glauben Sie wirklich, dass es mal wahr wird, was Sie versprochen haben?“, muss sich Cameron daher fragen lassen.

Es ist einer der Angriffe, die der Moderator ganz am Anfang der Sendung am Donnerstagabend abschießt – in der ersten Fernsehdebatte zum möglichen Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, dem so genannten Brexit. Und die Frage zu seinem alten Versprechen lässt Cameron nicht gut aussehen. Zu der Zeit, wo er dies zugesagt habe, sei dieses Ziel realistisch gewesen. „Und ich werde es nicht aufgeben“, sagt er.

Cameron merkt, dass das eine schwache Antwort war, die die Zuschauer im Raum nicht überzeugt, er schiebt daher noch hinterher: Die Wirtschaft in den europäischen Ländern, aus denen die Menschen kämen, sei auf Erholungskurs. Die Zahl der Einwanderer nach Großbritannien werde daher sinken.

Die Feindseligkeit der Wähler in dem Debattenraum des Fernsehsenders Sky bleibt – ebenso wie die kritischen Fragen des Moderators. Doch nach und nach gewinnt Cameron an Souveränität. Man merkt ihm an, dass er viel Erfahrung hat mit solchen Diskussionen mit Wählern. Zwischendurch schaltet er selbst immer wieder in den Angriffsmodus – etwa als er dafür kritisiert wird, dass er den Wähler mit Prognosen zu den Folgen eines Brexits Angst mache. Was werde zuerst kommen, ein Dritter Weltkrieg oder eine globale Rezession?

Ohne lange nachzudenken wehrt Cameron diese Frage ab. Er habe nie von einem Dritten Weltkrieg gesprochen. Die Frage des Moderators sei schlicht verfehlt, denn er habe nie einen Dritten Weltkrieg erwähnt. Allerdings war Cameron Anfang Mai in einer viel beachteten Rede auf all die britischen Soldaten eingegangen, die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg auf dem Kontinent ihr Leben gelassen haben.
Durch einen EU-Austritt Großbritanniens sei daher möglicherweise auch die Sicherheit seines Landes in Gefahr. „Können wir uns so sicher sein, dass Frieden und Stabilität auf unserem Kontinent auf Dauer garantiert sind? Ist es wert, dass wir das riskieren?“

Cameron ist der hochrangigste Politiker Großbritanniens, der gegen den EU-Austritt des Landes kämpft. In den vergangenen Monaten war er stark unter Druck geraten: Enthüllungen über Offshore-Geschäfte seines Vaters brachten ihn in Erklärungsnot. Cameron erwies sich am Ende als untauglicher Krisenmanager, da er zu spät und zunächst nur scheibchenweise die Vorwürfe aufklärte. Das gab seinen Gegnern jede Menge Munition, um Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aufkommen zu lassen.

Der Premier ist zwar das wohl wichtigste Zugpferd der Europa-Befürworter, aber bisher zieht er nicht kräftig genug. In Umfragen liegt mal das Lager der Brexit-Gegner, mal das Lager der Brexit-Befürworter vorne. Doch es gibt keinen klaren Trend, der länger anhalten würde.

Mit der Fernsehdebatte sollte Cameron eigentlich den Brexit-Gegnern Oberwasser verschaffen – das hatten zumindest seine Unterstützer gehofft. Doch gelungen ist ihm das nicht.

Das Urteil von Beobachtern und Kommentaren fällt am Ende daher verhalten aus: Cameron sei nicht in allerbester Form gewesen, sagen sie. Unter dem Strich habe er wohl nur wenige Unterstützer verloren, aber auch nur wenige Bürger überzeugen können, ihre Meinung zu ändern, urteilte der populäre Fernsehmoderator Robert Peston. Der Politik-Reporter der „Sunday Times“ urteilte: Die Fernsehdebatte habe im Prinzip aus zwei Teilen bestanden: In der ersten Hälfte sei Cameron wegen der Einwanderer-Frage unter Druck gekommen, in der zweiten Hälfte habe er seine Standardargumente gegen den Brexit loswerden können. Dazu gehörte vor allem die Warnung vor negativen wirtschaftlichen Folgen.

Nach dem Gespräch zwischen Cameron und Moderator – in dem sich beide Männer zeitweilig ständig gegenseitig ins Wort fielen – sind die Zuschauer dran. Sie können Fragen an den Premierminister loswerden. Eine Literaturstudentin hat die Lacher auf ihrer Seite, als sie Cameron vorwirft, einfach nur zu schwafeln und ihre Frage nicht zu beantworten. Immer wieder muss sich der Premier auch folgenden Vorwurf von Bürgern gefallen lassen: Er mache ihnen Angst mit all den Warnungen vor den Folgen eines Brexit. Er müsse mal das Positive der EU betonen.

Cameron versucht es. Doch am Ende betreibt er wieder Panikmache: Wer für den Brexit stimme, der setze die Zukunft seiner Kinder und Enkel aufs Spiel. „Großbritannien wird nicht erfolgreich sein“, warnt er, „wenn es aus der EU austritt.“ Knapp drei Wochen verbleiben Cameron noch, um die Briten zu überzeugen.

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Kommentare zu " David Cameron und der Brexit: Von Geschwafel und Weltkriegen"

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  • @ Herr Enrico "FatFinger" Caruso

    >> Eine Volksabstimmung ist keine "Show", Herr Queri! >>

    Einverstanden. Aber die Nomenklatura macht die Volksabstimmung zur Show !

    >> Im Übrigen: Schade, dass wir hier nicht wetten können, oder? >>

    Ja schade !

    Ich wette aber trotzdem : es wird knapp für den Verbleib der Briten in der EUtopia ausgehen ! Aus Gründen, die ich bereits beschrieben habe und die ZENSUR des HBO mit ihrer PRIMITIVEN Sachlichkeitsbegründung gelöscht hat.

    Und so wie die ZENSUR hier die Kommentare löscht und verfälscht, werden auch Wahlen und Volksabstimmungsergebnisse gefälscht.



  • Mit ihrem Austritt werden die Engländer endlich die Rückführung Europas zu der Zollunion einleiten, die ein erfolgreiches Zusammenleben auf unserem Kontinent ermöglicht hatte. Der Glaube, man könnte 28 verschiedene Kulturen und Sprachen zu einem einheitlich denkenden Volk zusammenzwingen, hat sich als Alptraum erwiesen. Irgendwann wäre dieses künstliche Gebilde aus sich heraus geplatzt, wie eine Bombe. Die Engländer verhindern mit der Einleitung der Rückkehr zur Sachlichkeit und Vernunft das Armageddon für unsere Kinder.

  • @Deutsche Micheline
    Dann würde ich mal sagen, dass Sie sofort aufhören hier auf Deutsch zu schreiben und das Deutsche Sozialsystem und Bildung in anspruch zu nehmen. Dann würde ich Ihnen empfehlen in ein Land auszuwandern in dem Nicht Deutsch gesprochen und gedacht wird.
    Und die AfD würde sofort Millionen von Deutschen Steuer- und Abgabenzahlern entlasten, in dem diese Partei die asoziale Energiewende mit ihrem marktfeindlichen EEG und den Euro mit seinen Maastricher Vertragsbruch (Negativ Zinsen und Steuerkassen Plünderung der Deutschen Gesellschaft) abschaffen würde.
    Die Grenzen wären wieder sicher und kontrolliert nach dem Vorbild von Österreich.

    Aber wenn Sie so wollen, dann wird in Deutschland der nächste Bürgerkrieg/Terror ausbrechen. Diese Grün-Sozialistische Merkel Alternativlosigkeit läuft nämlich gerade darauf hinaus.

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