EU-Referendum in Großbritannien
Ist Gott Engländer?

Das britische EU-Dilemma lässt sich besser verstehen, wenn man tief in die englische Geschichte eintaucht. Das meint Werner Benkhoff, der zwölf Jahre lang London-Korrespondent für das Handelsblatt war. Ein Essay.

DüsseldorfBefürworter eines EU-Austritts Großbritanniens betonen gern die Einzigartigkeit des Landes und seiner Menschen, seine ruhmreiche, kontinuierliche Geschichte, seine lange demokratische Tradition, die einstige imperiale Größe, die einzigartigen Institutionen. Aus ihrer Vergangenheit gewinnen Engländer die Gewissheit, immer noch den übrigen Europäern, ja allen anderen Menschen, überlegen zu sein und immer noch eine Sonderstellung zu verdienen, obwohl sie ihr Imperium längst verloren haben und politisch und wirtschaftlich weit hinter ihre Ansprüche zurückgefallen sind.

Diese These der Brexit-Anhänger bleibt freilich auch in Großbritannien nicht unwidersprochen. Der Historiker Norman Davies schrieb vor einigen Jahren: „Wir Briten …riskieren heute einen Zustand des Selbstbetrugs, der uns vorspiegelt, unsere Lage sei noch immer gut, unsere Institutionen unvergleichlich, unser Land irgendwie ewig.“

Man muss betonen, dass es hier vor allem um England und Engländer geht, weniger um die anderen Bewohner des Vereinigten Königreichs (Schotten, Iren und Wallisern). „Engländer“, „Briten“ werden zwar allgemein immer wieder synonym verwendet. Aber es waren englische Barone, die gegen den englischen König meuterten. In England entstand die parlamentarische Monarchie und begann die Industrialisierung, von England aus eroberte die Marine die Weltmeere.

In den Augen der Kontinentaleuropäer war England - trotz der großen Mehrheit im ersten Referendum für den Beitritt - beim Aufbau eines gemeinsamen Europa von Anfang an ein Störenfried, der Außenseiter, der sich selbst auch nie so recht für Europa erwärmen mochte. Dort ist die einstige Weltmacht, die in ihren besten Zeiten ein Viertel des Globus beherrschte, nie richtig angekommen. „Europäer“, das sind die anderen jenseits des Ärmelkanals, die „Frogs“ und „Krauts“.

Die britischen Interessen waren auf dem Weltglobus, nicht auf der Europa-Karte eingefärbt. „All that´s pink is ours“, sagte die Lehrerin vor der Schulklasse. Alles, was auf dem Globus rosa ist, gehört uns. Viele Engländer vor allem der Mittel- und Oberschichten können ihren Abstieg zu einer zweit- und drittklassigen Macht offenbar nur schwer verkraften und wehren sich dagegen, im Kreis der europäischen Staaten auf die Rolle eines ganz gewöhnlichen Mitglieds in einer Gemeinschaft von 28 Staaten reduziert zu werden und sich dort fremden Rechtssatzungen und Regeln unterordnen zu müssen. Bis zum Machtantritt von Margaret Thatcher war das Land auf einen Tiefpunkt gesunken, es war an vielen Stellen kaputt. Aber der wirtschaftliche und politische Niedergang hatte das Selbstbewusstsein des Volkes nicht im Geringsten beschädigt.

Was macht ganz normale Engländer eigentlich derart selbstbewusst und überheblich? Viele Engländer sehen sich selbst sogar als Gottes besondere Schöpfung. Gott ist Engländer, könnte man sagen. Jedenfalls hätte das Parlament die Macht, ihn dazu zu machen, wie wir noch sehen werden. Von Winston Churchill soll der Satz stammen: „Der Allmächtige in seiner unermesslichen Weisheit schaffte es nicht, Franzosen nach dem Bild der Engländer zu schaffen“. Oder der Kolonialpolitiker Cecil Rhodes, der einem Landstrich in Afrika seinen Namen gab: „Als Engländer geboren zu werden, heißt, den ersten Preis in der Lotterie des Lebens zu gewinnen.“ Aber damals war Britannien noch Weltmacht. Die Zitatenliste ließe sich gleichwohl mühelos bis in die Gegenwart fortsetzen. Die Selbstüberschätzung wurde nie selbstkritisch überprüft und steckt noch heute in vielen Köpfen.

Der Durchschnittsengländer weiß nicht viel über seine Nachbarn jenseits des Kanals. Er spricht nicht ihre Sprachen und hat es nicht für nötig befunden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Nachbarvölker haben auch den durchschnittlich Gebildeten nicht wirklich interessiert. Die vielen Engländer, die sich in den letzten Jahrzehnten an den Küsten Frankreichs und Spaniens häuslich niedergelassen haben, lassen auf den ersten Blick eine größere Nähe zum Gastland vermuten. Doch tatsächlich suchen und finden Engländer im Ausland sehr schnell Ihresgleichen und bleiben eingekapselt in einem „Little England“ unter sich, egal, wo in der Welt. So zeichnete auch Agatha Christie in ihren Krimis die Welt von Miss Marple: England ist überall.

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