Exit nach Brexit?

Das große Zittern in der Londoner City

Droht dem Finanzplatz London der Exodus? Oder lässt sich der Austritt aus der EU in einen Vorteil ummünzen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Sicher ist nur: Viele Jobs werden zunächst einmal verschwinden.
Update: 27.06.2016 - 10:25 Uhr 60 Kommentare
Viele Großbanken hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass sie im Falle des Brexit Jobs an anderen Standorte innerhalb der EU verlagern wollen. Quelle: AFP
Londoner City

Viele Großbanken hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass sie im Falle des Brexit Jobs an anderen Standorte innerhalb der EU verlagern wollen.

(Foto: AFP)

LondonNach dem EU-Austrittsbeschluss Großbritanniens sind vor allem in der Finanzbranche viele nervös: London ist das mit Abstand wichtigste Finanzzentrum Europas. Doch seine Bedeutung lebt auch davon, dass internationale Fondsgesellschaften und Banken von der britischen Hauptstadt aus ihre Produkte in der ganzen EU vertreiben können, das sehen die Regeln zum europäischen Binnenmarkt vor. Doch Großbritanniens Zugang zum europäischen Binnenmarkt wird durch die Brexit-Entscheidung infrage gestellt.

Viele Großbanken hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass sie dann Jobs an anderen Standorten innerhalb der EU verlagern wollen. Je nachdem, wen man fragt, gehen die Schätzungen über die Zahl der gefährdeten Stellen in die Zehntausende. „Innerhalb der nächsten zwölf Monate könnten 50.000 bis 70.000 Jobs aus der Finanzbranche abwandern“, zitiert das auf Finanzjobs spezialisierte Karriereportal eFinancialcareers einen Londoner Headhunter. Die ersten Einschnitte werde es schon in Kürze geben.

Für Großbritannien wäre ein Exodus der Finanzwelt ein riesiges Problem. Allein im Londoner Finanzdistrikt arbeiten 400.000 Menschen, gut zwei Millionen von ihnen arbeiten im ganzen Land. Der Beitrag des Finanzsektors zur Wirtschaftsleistung liegt bei etwa zehn Prozent. Kein anderes Land exportiert so viele Finanzdienstleistungen wie London, betont die Finanzlobby der City. Es steht für Großbritannien also viel Geld auf dem Spiel.

Viele Banker vermuten, dass im Falle eines Brexits Jobs nach Frankfurt, Paris oder Dublin verlagert werden könnten. Deutsche-Bank-Chef John Cryan etwa sagte dem Handelsblatt: „Der Finanzplatz wird nicht sterben, aber er wird schwächer.“ Cryan ist Brite und hat seinen Wohnsitz in London und Frankfurt. Die Europäische Idee habe Frieden und Wohlstand gebracht, sagte Cryan, der sich als überzeugter Europäer bezeichnet. Doch die Europapolitik könne nicht einfach so fortgeführt werden: „Die europäischen Institutionen brauchen eine vorsichtige Restrukturierung. Notwendig ist eine neue Balance und Verteilung von Macht innerhalb der Europäischen Union“, sagte Cryan.

Zu den möglichen Auswirkungen durch den Brexit auf die Deutsche Bank äußerte er sich nicht. Deutschlands größtes Geldhaus hat in Großbritannien gut 11.000 Mitarbeiter. Ob Stellen gestrichen oder an andere Standorte verlegt werden, ist noch unklar. Im Falle eines Brexit wäre es aber „gegen die Intuition“, wenn Euro-Produkte wie etwa italienische Staatsanleihen weiter von London aus gehandelt würden, hatte der Banker bereits vor dem Referendum auf einer Investorenkonferenz gesagt. Viel Euro-Zonen-Geschäft werde derzeit in London abgewickelt. „Ich würde erwarten, dass es mit der Zeit zurück in die Euro-Zone wandern würde“, so Cryan.

Auch die amerikanische Großbank JP Morgan hatte bereits im Vorfeld der Abstimmung intern angekündigt, jeden vierten der 16.000 Jobs in Großbritannien im Falle eines Brexits zu verlagern. Womöglich sei es notwendig, die organisatorischen Strukturen im Europa-Geschäft zu ändern und auch den Standort einiger Aufgaben, hatte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon in einem internen Memo geschrieben.

Bei der britischen Großbank HSBC gibt es längst Überlegungen, bei einem Brexit rund 1000 Stellen nach Paris zu verlegen. Die US-Investmentbank Morgan Stanley denkt ebenfalls über Veränderungen nach. Das Stimmergebnis sei eine „sehr signifikante Entscheidung, die beträchtliche Auswirkungen haben wird, deren Ausmaß für einige Zeit noch nicht bekannt sein wird“, sagte ein Sprecher des Instituts.

„Am Ende könnten alle verlieren“
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60 Kommentare zu "Exit nach Brexit?: Das große Zittern in der Londoner City"

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  • ... an den Bedürfnissen sämtlicher(!!) Nutzer des Bankensystems AUSGERICHTETES ...

  • Und das ist auch gut so: Steuern sind nichts anderes als Raub.
    "Der Staat hat niemals eigenes Geld, denn er leistet entweder nichts oder er leistet schlechter als private Anbieter, so daß ihm niemand FREIWILLIG etwas bezahlen würde. Deshalb erfindet er einen angeblich legalen Abgabenzwang: die Steuern. Mit diesem Instrument können die Bürger teilenteignet und teilversklavt werden. Es bleibt sich ja letzlich gleich, ob man jemandem die Hälfte seines Vermögens wegnimmt - oder die Hälfte des Ertrages, den das Vermögen abwirft. Und es bleibt sich im Endeffekt ebenso gleich, ob ein Bürger während der Hälfte des Jahres unentgeltliche Sklavenarbeit verrichten muß oder ob man ihm die Hälfte seines Jahreslohnes über Steuern und Abgaben entzieht." (Roland Baader)

  • Nicht nur die, sondern alle, welche den Amis im Irak, im Südsudan, in Somalia, in Afghanistan, in Libyen, in Mali und in Syrien in den Allerwertesten gekrochen sind. Also im Prinzip alle. Meinungsverschiedenheiten gibt es nur bei der Frage, wer am tiefsten hinein gekrochen ist.

  • Ich werde den Eindruck nicht los das manche EU-Systembefürworter sehr große Probleme mit dem Abstimmungsergebniss der Briten haben.
    Die Onlinepetition ist ja bereits Nachweislich gepfuscht und Betrug.
    Die Spezialdemokraten lassen nichts aus, es scheint die Finanzmafia und einige Großkonzerne doch bitter erwischt zu haben.
    Ja, die alten, die haben den Austritt gewählt, die kannten noch Zeiten ohne Überfremdung, da konnte man noch von seiner Arbeit leben und Zinsen gab es auch noch. Wieso sollten die der EU hinterher heulen?.

  • Natürlich hat Großbritannien einen GANZ ENTSCHEIDENDEN Vorteil:
    Ein VERLÄSSLICHES RECHTSSYSTEM, insbesondere was EIGENTUMSRECHTbetrifft.
    Die Enteignungsphantasien der sozialistischen EU-Finanzkleptokraten stehen einem solchen Rechtssystem jedoch diametral gegenüber.
    Das britische Rechtssystem fußt dagegen auf der MAGNA CHARTA, der sogenannten "großen Urkunde der Freiheiten".
    Die Freiheit ist in der sozialistischen EU dagegen schon fast ausgerottet und insbesondere der Geldsozialismus schon nahezu perfektioniert. Gleichzeitig maßen sich einzelne EU-Staaten (gelle Mutti!) an, Verträge nach Gutdünken zu brechen.
    Sowohl für die Lebensqualität der Bürger als auch für die Investitionsbereitschaft von Unternehmen ist jedoch nichts wichtiger als ein verlässliches Rechtssystem. Das gibt es aber nicht mehr in der EU - und das ist nun die Riesenchance für Großbritannien!

  • Für mich persönlich (und alle andern Immobilienbesitzer in der schönsten Stadt Deutschlands) ist dieses Brexit-Eigentor, falls es denn tatsächlich umgesetzt wird, im höchsten Maße erfreulich und ein warmer Geldsegen.

    Wenn demnächst die ganzen solventen Investmentbanker-Kollegen nach Frankfurt kommen, steigen die Mieten noch weiter und ich kann von meinen Mietern noch mehr Kohle kassieren. Ansonsten; Hasta la vista, baby. Angebot und Nachfrage bestimmen bekanntlich ja den Preis.

    Zum Glück, hatte ich letztes Jahr noch 2 weitere Objekte (City-Bestlage Nähe Fressgass, möbliert 30 €/qm) auf Anraten meines Vermögensverwalters ins Portfolio genommen. Ladys aus dem horizontalen Gewerbe zahlen sogar noch mehr. Aber das Klientel will ich nicht bzw. hat mir meine junge Verlobte auch verboten zu vermieten.

  • Die ausländischen Profikicker sind in GB von der Einkommensteuer befreit, genau wie alle anderen Ausländer auch. Sie kosten die Vereine daher im Vergleich zu einheimischen Kickern nur die Hälfte. Das ist auch der einzige Grund für den sehr hohen Ausländeranteil in der Premier League. Mit Schengen und Co. hat das alles absolut nichts zu tun.

  • Die Londoner City verdankt ihre Existenz der Steuerbefreiung durch die Hintertür(sprich keine Steuern für alle, die auf dem Papier Ausländer sind). Daran ändert sich definitiv nichts. Ergo sind die Finanzplätze in der EU, wo sich der Fiskus beteiligt, wie z. B. Frankfurt oder Paris null Konkurrenz. Und mit dem New Yorker Steuerbetrugsparadies ist die Londoner City schon lange eng verbandelt, da es sich auf beiden Seiten des Atlantiks um die selben Steuer sparenden Akteure handelt. Da tut sich also ebenfalls nichts.

  • Die Briten können jetzt wieder frei entscheiden. Sie können genau sagen, wie viele Lohnsklaven sie aus der EU nehmen und zu welchen Konditionen. Sie werden die sozialen Leistungen für die EU Sklaven kürzen oder streichen und können so ihren Arbeitsmarkt schützen und haben dadurch weniger Arbeitslose. Der Austritt bringt auch viele Vorteile gerade in der Finanzindustrie. Der Pfund wertet ab und die Wirtschaft geht wieder aufwärts.
    "SCREW" the best ghost

  • "Oder lässt sich der Austritt aus der EU in einen Vorteil ummünzen?"

    Nur dann, wenn man sich etwas völlig Neues, an den Bedürfnissen sämtlicher(!!) Nutzer des Bankensystems einfallen lässt.

    Den Versuch wär's jedenfalls wert.

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