Falsche Brexit-Prognose
Blamage für das britische Orakel

Nach dem Brexit-Votum der Briten müssen sich auch die Meinungsforscher als Verlierer fühlen. Sie wollten diesmal alles besser machen, nachdem sie zuletzt oft falsch lagen. Doch aus der Wiedergutmachung wurde ein Debakel.

LondonDie Stunde der Wahrheit hat in der Nacht zum Freitag auf der Insel nicht nur für Premierminister David Cameron geschlagen. Als in den Morgenstunden die Ergebnisse des historischen EU-Votums eintrudelten, musste sich nicht nur der britische Spitzenpolitiker in der Downing Street No. 10 als Verlierer fühlen, sondern auch die Meinungsforscher auf der Insel. Zwei Mal hatten sie zuletzt in wichtigen Fragen spektakulär geirrt, diesmal sollte alles besser werden.

„Wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, verkündete Stephen Shakespeare, Chef des renommierten Meinungsforschungsinstituts Yougov noch vor wenigen Tagen selbstbewusst im „Handelsblatt House“ in London. Doch seit Freitag ist klar: Die Meinungsforscher haben den Mund zu voll genommen. Aus der geplanten Wiedergutmachung ist ein Debakel geworden.

Blamage für die britischen Orakel. Als Europa und Großbritannien am Donnerstagabend zu Bett ging, sah die Welt für Cameron und die EU-Freunde noch hoffnungsvoll aus. Direkt nach Schließung der Wahllokale auf der Insel um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit preschte Yougov mit einer Erhebung vor: 52 Prozent der Briten hätten danach für Remain gestimmt, nur 48 Prozent votierten dagegen für einen EU-Austritt.

Doch der Schnellschuss ging nach hinten los. Am frühen Freitag morgen räumte Shakespeares Kollege Peter Kellner als einer der Ersten selbst ein, dass seine Truppe erneut daneben gelegen hat. „Es sieht so aus, als wenn wir die Resultate für Großbritannien schlecht vorhergesagt haben“, gab Kellner zerknirscht über Twitter zu. „Schlecht für uns Meinungsforscher und (weniger bedeutend) peinlich für mich.“

Denn viele Briten erinnern sich nur zu gut, dass es nicht das erste Mal ist, das die Orakel ziemlich daneben langten. So scheinen die Forscher zwar in die Glaskugel schauen zu können, doch auch schon bei den letzten beiden großen wichtigen Abstimmungen auf der Insel war dieser Blick leider arg umnebelt. So schreckte Yougov schon bei der wichtigen Abstimmung über eine Unabhängigkeit Schottlands im Herbst 2014 die britische Öffentlichkeit mit der Vorhersage auf, dass erstmals eine knappe Mehrheit für die Abspaltung votieren würde. Bis kurz vor Wahl rechneten die renommierten Demoskopen mit einer knappen Mehrheit der Abtrünnigen – erst in der letzten Prognose lagen sie dann fast richtig. Denn als die Wahlurnen ausgezählt wurden, war das Ergebnis vergleichsweise klar: 55 Prozent hatten für einen Verbleib im Königreich gestimmt.

Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 lagen die Demoskopen sogar noch dramatischer daneben. Bis zur ersten Prognose um kurz nach 22 Uhr hielten sie es für ziemlich sicher, dass Labour-Spitzenmann Ed Miliband in die Downing Street einzieht und der amtierende Premierminister Cameron eine schallende Niederlage erleidet. Doch genau das Gegenteil trat ein. Der konservative Regierungschef mit seiner Koalition mit den Liberalen wurde nicht nur wiedergewählt – er holte mit seiner Partei sogar überraschend eine absolute Mehrheit und regiert seitdem ohne Hilfe eines Koalitionspartners.

Was ist schief gelaufen? Das fragen sich nun nicht nur die Meinungsforscher auf der Insel selbst. Für genaue Antworten und Analysen ist es sicherlich noch zu früh. Aber die Gründe für die Schwäche der britischen Orakel liegen teilweise auch in den Eigenarten des britischen Wahlsystems begründet, wie Experten glauben. Ein Referendum sei für Meinungsforscher eine „harte Nuss“, denn man könne sich nicht „wie bei Parlamentswahlen an vergangenen Abstimmungsmustern orientieren“, räumte Yougov-Boss Shakespeare bereits vor der Abstimmung ein.

So gibt es keine historischen Vergleichsdaten, die Unschärfen in den Umfragen nivellieren können. Die Konsequenz: Schon in den vergangenen Wochen schwankten die Umfragen zum Brexit-Votum auffällig stark: Einige Prognosen sahen einen klaren Sieg der EU-Befürworter, andere zeigten dagegen einen Vorsprung des Brexit-Lagers an. Ein weiteres Problem: Im britischen Mehrheitswahlrecht ist die prozentuale Stimmverteilung zwischen den Parteien nicht so bedeutend, weil nur der Kandidat durchkommt, der die meisten Stimmen bekommt.

Doch bei der landesweiten Abstimmung zur EU kam es auf die landesweite Stimmverteilung ein – ein Feld, dem die britischen Meinungsforscher sonst weniger Beachtung schenken. Zudem ist die Art der Befragung häufig fehleranfällig. Telefonumfragen erreichen meist mehr ältere Menschen, während Online-Polls vor allem Jüngere ansprechen. So war die Yougov-Umfrage um 23 Uhr direkt nach Schließung der Wahllokale eine Online-Umfrage – was die Unwucht in Richtung Remain etwas erklären könnte. Der Spott ließ zumindest nicht lange auf sich Warten. „Die Yougov-Befragung von 23 Uhr war von den Zahlen her sehr präzise“, stichelte der Journalist Dominik Rzepka auf Twitter umgehend. „Halt nur falsch herum.“

Die Worte sind mehr als ein Scherz. Sie sind auch ein deutliches Signal. Die Glaubwürdigkeit der Meinungsforscher ist auf der Insel endgültig angekratzt. So wies in den vergangenen zwei Jahren sowohl beim Schottland-Referendum als auch bei den Parlamentswahlen im Jahr 2015 eine völlig andere Sparte deutlich bessere Resultate auf als die Demoskopen: die britischen Wettanbieter. Viele Menschen im wettverrückten Großbritannien sind offensichtlich wesentlich akkurater bei den Prognosen, wenn sie ihr eigenes Geld einsetzen.

Doch diesmal lagen sogar die Herren und Damen der Wettscheine schief. In den Wettbüros galten die EU-Freunde in den vergangenen Tagen ebenfalls als klare Favoriten. Es dürfte für Shakespeare und seine Kollegen indes nur ein schwacher Trost sein, dass die demoskopische Glaskugel nicht das einzige Instrument ist, das bei dieser historischen Abstimmung katastrophal versagt hat.

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