Front National und Europa-Liebhaber vereint

Warum viele Franzosen für den Brexit sind

Viele Franzosen sind für einen Austritt Großbritanniens aus der EU – vor allem der Rechte Rand hofft selbst eine Chance zum Austritt zu bekommen. Andere sehen den Brexit als Chance für das Staatenbündnis.
Viele Franzosen sehen die EU ohne die Briten besser aufgestellt. Quelle: AFP
Europa und der Brexit

Viele Franzosen sehen die EU ohne die Briten besser aufgestellt.

(Foto: AFP)

ParisZwischen Frankreich und Großbritannien gibt es nicht nur den Ärmelkanal, sondern auch sonst tiefe Gräben. Sichtbar wird das in der Brexit-Debatte: Der drohende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union scheint den Franzosen wenig Kopfzerbrechen zu bereiten. Mehr noch: In keinem anderen EU-Land außerhalb Großbritanniens sind so viele Menschen für einen Brexit wie in Frankreich. Das sagt viel über das Verhältnis der Franzosen zu den Briten – hängt aber auch mit dem Blick auf die EU zusammen.

In einer Reihe von europaweiten Umfragen landeten die Franzosen in den vergangenen Wochen an der Spitze der Brexit-Befürworter. In einer am Montag von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie sprechen sich 25 Prozent der befragten Franzosen für den Brexit aus - lässt man die Briten außen vor, ist das der EU-weit höchste Wert. Andere Umfragen ergaben sogar schon 41 Prozent Zustimmung unter den Franzosen für einen Austritt Großbritanniens. Negative Auswirkungen eines Brexits auf die EU oder auf Frankreich befürchten vergleichsweise wenige.

„Großbritannien ist historisch gesehen das Land mit der größten Nähe zu Frankreich, und diese Nähe schafft eine große Rivalität“, sagt der Politikwissenschaftler Dominique Moïsi vom französischen Institut für Internationale Beziehungen, der auch am Londoner King's College lehrt.

In den vergangenen Jahrhunderten führten beide Staaten blutige Kriege gegeneinander, als Kolonial- und Wirtschaftsmächte waren sie lange scharfe Konkurrenten. Staatschef Charles de Gaulle blockierte in den 60er Jahren gleich zweimal einen Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, später gab es erbitterten Streit um EU-Agrarhilfen.

Aufwind für EU-Anhänger, Trauer rund um Big Ben
Kampagnenbus der EU-Befürworter vor dem Parlament
1 von 11

Nach der Wiederaufnahme des Wahlkampfes sehen sich die Befürworter eines Verbleibs von Großbritannien in der Europäischen Union im Aufwind. Buchmacher sehen das Pro-EU-Lager inzwischen deutlich vorn.

75 Prozent Wahrscheinlichkeit für „Bremain“
2 von 11

Buchmacher taxierten die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs Großbritanniens in der EU dem Wettanbieter Betfair zufolge auf 75 Prozent, rund zehn Prozentpunkte mehr als am Freitag. In Großbritannien ging der Wahlkampf weiter, nachdem er Ende der vergangenen Woche wegen des Mordes an der Labour-Abgeordneten und EU-Befürworterin Jo Cox kurzzeitig ausgesetzt worden war.

Verstärkung für Wahlkämpfer
3 von 11

Zudem wechselte drei Tage vor dem historischen Referendum eine bekannte Brexit-Befürworterin ins Pro-EU-Lager. Die konservative Oberhaus-Abgeordnete Baroness Warsi begründete ihren Schritt mit „Haß und Ausländerfeindlichkeit“, die sich in der Brexit-Kampagne breitmachten.

Trauer um Jo Cox in London
4 von 11

Der Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten könnte sich als Wendepunkt erweisen. Am Nachmittag gibt es einen Trauermarsch der Parlamentsabgeordneten in Westminster.

David Cameron im Mini-Werk
5 von 11

Der Regierungschef warb bei der BMW-Tochter in Oxford für einen Verbleib seines Landes in der EU.

Trauerfeier im Parlament
6 von 11

Zwei Rosen erinnerten bei der Sitzung der Abgeordneten am Nachmittag an die verstorbene Jo Cox, die am vergangenen Donnerstag in Nordengland ermordet wurde.

Jeremy Corbyn
7 von 11

In einer Rede rief der Labour-Chef zu einer höflicheren und behutsameren Politik auf. Das Land sei sich einig, „den Hass zu bekämpfen, der sie getötet hat“. Die Tat erscheine immer mehr als ein „Akt extremer politischer Gewalt“ und ein „Angriff auf die gesamte Gesellschaft“, sagte Corbyn.

Legendär ist eine Anekdote aus dem Jahr 1988: Der damalige französische Regierungschef und spätere Präsident Jacques Chirac ätzte bei einem EU-Gipfel höchst uncharmant über die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die für den Britenrabatt kämpfte: „Was will die Hausfrau denn noch? Meine Eier auf einem Tablett serviert?“ Misstöne gab es jüngst wieder in der Flüchtlingskrise: Ein wiederkehrendes Streitthema sind die in Calais festsitzenden Flüchtlinge, die um jeden Preis nach Großbritannien gelangen wollen.

Doch zugleich sind heute viele der Rivalitäten eher gerne gepflegte Klischees als Realität, in vielen Bereichen arbeiten beide Länder eng zusammen. Und in der französischen Brexit-Debatte geht es nicht nur um Großbritannien, sondern auch viel um Europa. Paradoxerweise sind es dabei zwei Gruppen mit entgegengesetzten Zielen, die für einen Brexit sind: EU-Gegner und Anhänger einer noch stärkeren europäischen Integration.

„Anfang vom Ende“ der EU
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
Brexit

Mehr zu: Front National und Europa-Liebhaber vereint - Warum viele Franzosen für den Brexit sind

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%