Geplantes Referendum nach dem Brexit
Schottlands riskantes Spiel mit der Unabhängigkeit

Die schottischen Nationalisten wittern die Chance, ihre Niederlage von vor zwei Jahren zu revidieren. Doch scheitern sie erneut, bleibt Schottland vielleicht auf ewig Teil Großbritanniens – und außerhalb der EU.

GlasgowUm 13.15 Uhr Ortszeit am Samstag, dem Tag zwei nach dem Brexit-Beschluss, war es in Glasgow so weit: Schottische Armee-Einheiten marschierten durch die Stadtmitte. Das allerdings war noch nicht die Unabhängigkeit – sondern der „Armed Forces Day“. Dennoch: Schottland nimmt Kurs auf ein zweites Unabhängigkeits-Referendum – nur zwei Jahre nach dem ersten. Das Kabinett der Regionalregierung hat dem Plan der Ersten Ministerin Nicola Sturgeon am Samstag zugestimmt. Der Schritt war nur noch eine Formalie: Sturgeon hat bereits wenige Stunden nach dem Endergebnis angekündigt, Schottland werde sofort die Gesetzgebung einleiten, um ein neues Referendum möglich zu machen.

Bemerkenswert sind jedoch die Zwischentöne: Sturgeon erklärte, ein Referendum sei „sehr wahrscheinlich“, liege „sehr auf dem Tisch“. Das lässt Rückzugsraum. Denn die Schottische Nationalpartei SNP, die bei der schottischen Wahl im Mai ihre absolute Mehrheit ausgebaut hat, ist in einer Zwickmühle.

Einerseits hat die SNP ihre Pläne für eine Unabhängigkeit trotz des eindeutig verlorenen Referendums vor zwei Jahren nicht aufgegeben. Die Hoffnung der Unabhängigkeitsgegner, das Thema sei mit der Entscheidung mindestens für Jahrzehnte vom Tisch, hat sich nicht erfüllt.

Im Gegenteil: Das offizielle Referendum hat aus einem vagen Traum einiger schottischer Nostalgiker eine reale politische Möglichkeit gemacht. „Wir haben den Wähler auf über 500 Seiten genau erklärt, wie die Unabhängigkeit funktioniert – das Brexit-Lager hingegen hat nur luftige Hoffnung“, sagte etwa die SNP-Westminster-Abgeordnete Deidre Brock dem Handelsblatt Anfang der Woche in Edinburgh. Die SNP lauert nur auf einen Anlass, den Wählern und dem Parlament in London die Notwendigkeit für ein zweites Referendum erklären zu können.

Und so eine Gelegenheit wie der EU-Austritt kommt so schnell nicht wieder. Schottland hat fast mit 62 Prozent für den Verbleib in der EU gestimmt. In keinem einzigen schottischen Wahlkreis siegten die Brexit-Befürworter. Das rührt an ein schottisches Trauma: Das Volk meint, bei jeder Gelegenheit von den Engländern überstimmt zu werden – ein wichtiges Argument für die Unabhängigkeit.

Denn die SNP besteht nicht etwa aus national-konservativen Hardlinern. Wer die Wahlkämpfer in der Woche vor dem Referendum begleitet hat, traf auf Leute, die in Deutschland einen SPD-Ortsverein bilden könnten: linksliberales Bürgertum. Die SNP fordert einen starken Sozialstaat, sie sorgt dafür, dass in Schottland die Studiengebühren niedrig sind und die Leistungen der Gesundheitsfürsorge NHS hoch. Ihr Plan für eine Unabhängigkeit: die Reste des Thatcherismus beseitigen, dessen Wurzel sie in England sehen. In der EU sehen sie einen Verbündeten gegen Sozialabbau.

Der Brexit wäre also eine willkommene Gelegenheit für ein neues Referendum – wäre er bloß etwas später gekommen. Die Erinnerung an das erste Referendum ist noch zu frisch: an die weiß-blauen Fahnen in Vorgärten und an Autos, die großen Pappaufsteller mit dem „YES“, auch an die Union-Jacks, die häufig wenige Meter daneben flatterten. Die Schotten finden nach der Polarisierung im Referendum, bei dem sich Nachbarn und Freunde entzweiten, gerade mühsam wieder zusammen.

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