Handelsblatt-Talk mit Lionel Barber
Eine Mahnung in lachsrosa

Ein Brexit würde zu chaotischen Zuständen führen, glaubt Lionel Barber. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart entlockte dem Chefredakteur der Financial Times im „German House“ in London ungewöhnlich offene Worte.


Die britische Höflichkeit und Zurückhaltung ist legendär. Es sei keineswegs ein Klischee, dass sich Briten, wenn sie angerempelt werden, beim Rempler noch mit einem klassischen “Oh, sorry“ entschuldigen, schrieb bereits Kate Fox, Autorin des britischen Bestsellers „Watching the English“, ein Kompendium britischer Werte und Eigenschaften.

Doch Lionel Barber, Chefredakteur der „Financial Times“ ist angesichts des EU-Referendums in Großbritannien vor dem Handelsblatt-Wirtschaftsclub in London von dieser Zurückhaltung nichts anzumerken. Barber äußert sich im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart ungewöhnlich offen darüber, was er von einem Brexit hält und was er über wichtige britische Politiker denkt. Möglicherweise ist es also heute an Barber, vorsichtshalber schon einmal „Oh, sorry“ zusagen.

Eine Mahnung in lachsrosa. So warnt Barber, der seit November 2005 die auf lachsrosa gedruckte, wichtigste britische Wirtschaftszeitung führt, davor sich Illusionen über den Zustand der britisch-europäischen Beziehungen zu machen. Es sei „wie in einer Ehe, in der man nach dem Aufwachen nicht mehr miteinanderspricht.“ Politisch könnte ein EU-Ausstieg der Briten bei Referendum am 23. Juni jedoch durchaus zu „chaotischen Zuständen“ führen, die noch dramatischer ausfallen würden als viele dies derzeit befürchten würden, warnte Barber eindringlich.

Sollten sich die Briten für einen EU-Ausstieg entscheiden, rechnet Barber mit den Rücktritten von Premierminister Cameron und Schatzkanzler George Osborne. „Ich glaube nicht, dass Cameron in 30 Sekunden im Amt bleiben würde, wie sein Parteifreund Kenneth Clark dies vorhergesagt hat“, erklärte Barber. Es würde sich wohl einige Wochen hinziehen. Aber der Schritt ist aus Sicht von Barber alternativlos: „No other chance.“

Als Nachfolger sieht der FT-Boss allerdings in diesem Fall nicht den Brexit-Wortführer Boris Johnson, sondern einen deutlich jüngeren Tory-Politiker. Dann sei die nächste Generation dran, sagt Barber. Doch wer das sein könnte, da musste auch Barber passen. Der frühere Premierminister John Major sei bei seiner Nominierung ebenfalls ein weitgehend unbeschriebenes Blatt gewesen – die Tories könnten dann erneut einen jüngeren, noch nicht so bekannten Kandidaten aus ihren Reihen suchen.

In seiner Einschätzung des derzeitigen Spitzenpersonals der Tories gab sich der einflussreiche Chefredakteur des Blattes mit den rosa Seiten – der zum Abendempfang mit Handelsblatt-Herausgeber Steingart in einem passenden rosa Hemd mit Krawatte erschien – wenig Illusionen hin. Johnson sei ein „großer Entertainer“, ein „Clown“ und „brillianter Redner“. „Aber ein guter Redner ist noch kein guter politischer Führer“, legte Barber unbarmherzig eine wichtige Schwachstelle des Brexit-Wortführers auf. Warum Johnson für den Brexit kämpft? Darauf war Barbers Antwort ebenso knapp wie eindeutig: „Er will der nächste Premierminister werden.“

Aber auch Cameron musste sich von Barber eine unangenehme Lektion erteilen lassen. Das Ausrufen des Referendums sei ein „politischer Fehler“ gewesen – und das wisse Cameron inzwischen auch, glaubt Barber. Der seit Jahren vom Flügel der europaskeptischen Tories unter Druck stehende Premier habe damit einen großen Fehler gemacht: „Er hat seine Partei über das Land gestellt.“ Dennoch habe Cameron ruhig gewirkt, als er ihn diese Woche zum Interview getroffen habe, plauderte Barber aus dem Nähkästchen. Der Tory-Spitzenmann habe resolut, häufig überzeugend und weniger nervös als vor einem Jahr kurz vor der Parlamentswahl gewirkt, sagte der FT-Chef.

Ob das ein gutes Vorzeichen ist? Darüber will Barber, ganz nüchterner Finanzprofi, lieber nicht öffentlich spekulieren. „Ich halte mich lieber an die Fakten“, sagt der FT-Boss. Er wisse schließlich nicht, wie das Votum ausgehe. Doch schon bald hat das Warten ein Ende, denn Großbritannien hat heute die Wahl. Spätestens in 18 Stunden sind wir alle schlauer, ob Camerons Gelassenheit vor dem Urnengang ein untrügliches Signal war – oder nur die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm.

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