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Ein Journalisten-Trick geht um die Welt

Als vermeintlicher „Leave.EU“-Unterstützer tauchte ich auf der Wahlparty der rechtskonservativen Ukip auf – und kam so an einige interessante Informationen. Einige Bilder gingen durch die Weltpresse.

Fotos von mir sind in der Nacht zu Freitag um die Welt gegangen. Bildjournalisten von Reuters und AP und anderen Agenturen haben mich abgelichtet. Ich habe es sogar in den Aufmacher der Onlineausgabe des Londoner „Evening Standard“ geschafft – eine verrückte Geschichte. Und sie lässt tief blicken in Britanniens Medienlandschaft.

Das Foto von mir mit Union-Jack-Papphütchen und Papierfähnchen zierte im „Evening Standard“ eine Geschichte über Wähler, die nach der Stimmenauszählung ihr Pro-Brexit-Votum bereuen. Als Deutscher hatte ich natürlich gar kein Stimmrecht. Das Foto taugt also nichts für eine solche Story.

Dutzende Fotografen und TV-Kameras hatten mich auf der Wahlparty der „Leave“-Kampagne am frühen Freitagmorgen im 29. Stock des Millbank Towers an der Themse aufgenommen. Fast alle Boulevard-Blätter und Gratis-Tabloids wollten ein Interview mit mir als vermeintlichem Brexit-Fan. Ungefragt nutzen sie nun die Bilder für ihre Geschichten.

Ich hatte mir „Vote to Leave“-Sticker, „Labour Leave“-Aufkleber und britische Fähnchen nur angesteckt, um möglichst dicht an die Ukip-Führung heranzukommen. Insgesamt drei kurze Interviews mit Ukip-Chef Nigel Farage, Englands größtem EU-Hasser, habe ich in den letzten vier Tagen bekommen. Und in der Nacht bekam ich sogar auf den Handys von Farage-Beratern interne Zahlen gezeigt und Insiderinformationen aus der Führung der rechtspopulistischen Anti-EU-Partei sowie den Brexit-Anhängern der Labour Party gesteckt.

Die britischen Medien interessieren solche Hintergründe nicht. Sie fotografieren und filmen einfach, und veröffentlichen die Bilder mit ihren Geschichten dazu - ohne je gefragt zu haben, wer derjenige auf dem Bild ist. So bereut man dann angeblich, für Brexit gestimmt zu haben, ohne jemals auch nur in England stimmberechtigt gewesen zu sein.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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