Historiker Brendan Simms

„Großbritannien ist die letzte große Macht in Europa“

Wie sollte es mit der europäischen Einigung weitergehen? Der irische Historiker Brendan Simms hat dazu eine klare Meinung. Prophezeiungen über den Niedergang Großbritanniens hält er für stark übertrieben.
„Europa  braucht Großbritannien deutlich dringender als Großbritannien Europa. “ Quelle: imago/Mauersberger
Prof. Brendan Simms

Europa braucht Großbritannien deutlich dringender als Großbritannien Europa.

(Foto: imago/Mauersberger)

LondonIn seinem Buch „Britain’s Europe“ haucht Simms einer alten Vision von Winston Churchill neues Leben ein: Der Professor für internationale Beziehungen an der Universität Cambridge glaubt, dass wir die „Vereinigten Staaten von Europa“ brauchen, allerdings ohne Großbritannien – leider.

Professor Simms, warum tun sich die Briten so schwer mit der Idee der politischen Einigung Europas?
Die Geschichte der Briten in Europa unterscheidet sich fundamental von der des Kontinents, sie ist sehr viel freundlicher, mit deutlich weniger geschichtlichen Traumata. Anders als die Völker auf dem Kontinent blicken die Briten seit Jahrhunderten auf eine ungebrochene Tradition als Demokratie und Nationalstaat zurück. Für Europa als Rettungsprojekt und politische Vision hatte Großbritannien deshalb nach 1945 keinen wirklichen Bedarf. Für Großbritannien und die Briten war die EU in erster Linie immer ein wirtschaftliches Projekt.

Für den Rest des Kontinents reicht das aber Ihrer Meinung nicht aus.
Nein, mit dem Euro hat sich Kontinentaleuropa für eine einheitliche Währung und mit dem Schengen-Abkommen für eine einheitliche Außengrenze entschieden. Aber die Partner verfügen nicht über die föderalen Instrumente, um diese Errungenschaften zu verteidigen, wie eine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik oder eine gemeinsame Außenpolitik. Was Kontinentaleuropa braucht, ist eine vollständige parlamentarische, multinationale, politische Union.

Wer für den EU-Austritt kämpft und wer dagegen
Kontra Austritt: David Cameron
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- 49, britischer Premierminister
- „Selbstzerstörung“, „Isolationismus“, „Risiko“ – die politische Führung in Großbritannien mahnt eindringlich vor einem Austritt aus der EU. Premierminister Cameron wird nicht müde, die Tragweite dieser Abstimmung zu betonen. „Dies ist auch eine Entscheidung über unseren Platz in der Welt“, so der Chef der konservativen Partei. „Darüber, wie wir die Sicherheit unseres Landes gewährleisten, wie Großbritannien Dinge in Europa und weltweit erreichen kann, statt einfach eine von anderen diktierte Welt zu akzeptieren.“

Pro Austritt: Boris Johnson
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- 51, Bürgermeister von London von Mai 2008 bis Mai 2016 (Conservatives)
- Die Europäische Union strebe einen Superstaat an, sagte Johnson jüngst in einem Interview mit „The Sunday Telegraph“ – ähnliche Tendenzen habe es in der Vergangenheit bereits gegeben. „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben es versucht, und es endet tragisch. Die EU ist ein Versuch, dies auf verschiedene Weisen zu tun.“

Kontra Austritt: George Osborne
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- 45, britischer Finanzminister
- „George Osborne warnt vor Brexit“ – Schlagzeilen dieser Art gab es in den weltweiten Gazetten zuletzt häufiger zu lesen. Der britische Finanzminister gehört zu den vehementesten Befürwortern eines Verbleibs in der EU. Konjunktureinbruch und Abschwung seien wahrscheinlich, sollte Großbritannien mit „leave“ stimmen. „Das britische Volk muss sich diese Frage selbst stellen. Können wir bewusst für eine Rezession stimmen?“, so Osborne. Schließlich würde ein Votum für den Austritt einen „sofortigen und heftigen Schock“ auslösen – das britische BIP würde sich bis zum Jahr 2030 um sechs Prozent verringern.

Pro Austritt: Nigel Farage
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- 52, UKIP-Parteichef
- Einer der Hauptakteure im Kampf gegen den Verbleib in der EU: Kaum jemand hat sich so öffentlichkeitswirksam für einen Brexit eingesetzt wie Nigel Farage. Der Chef der EU-skeptischen UKIP befindet sich seit Monaten im Wahlkampfmodus. „Ich kann die Unentschlossenen überzeugen. Ich bin die Stimme, die sie umschwenken kann.“

Kontra Austritt: Barack Obama
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- 54, Präsident der Vereinigten Staaten
- Gemeinsam mit David Cameron hat sich Obama für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. „Großbritannien ist immer am besten, wenn es dabei hilft, ein starkes Europa zu führen“, so der US-Präsident. In einem Gastbeitrag für die Zeitung „The Telegraph“ schrieb er zudem: „Die USA und die Welt brauchen weiterhin den verstärkten Einfluss Großbritanniens – auch innerhalb der EU.“

Pro Austritt: Michael Gove
6 von 20

- 48, seit 2015 Justizminister (Conservatives)
- „Ich denke, unser Land wäre außerhalb der Europäischen Union freier, fairer und besser. Der Euro hat eine wirtschaftliche Krise ausgelöst, Regulierung zu massenhafter Arbeitslosigkeit geführt. Die EU-Migrationspolitik hat Menschenhändler ermutigt und verzweifelte Flüchtlinge an unsere Grenzen gebracht.“

Kontra Austritt: Sadiq Khan
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- 45, neuer Londoner Bürgermeister
- Kurz nach seinem Amtsantritt erklärte Sadiq Khan, er wolle Premier David Cameron durch aktiven Wahlkampf für einen Verbleib in der EU unterstützen. „Hier in London sehe ich mehr als eine halbe Million Jobs, die direkt von der EU abhängen“, so der neue Bürgermeister der Hauptstadt.

Aber wären diese Vereinigten Staaten von Europa nicht sehr viel stärker, wenn die Briten mit dabei wären?
Natürlich, ich kann mir im Moment nur überhaupt nicht vorstellen, dass die Briten das wollen. Natürlich wäre ein Scheitern des gegenwärtigen europäischen Projekts auch für Großbritannien ein katastrophaler Schlag. Aber Europa braucht Großbritannien deutlich dringender als Großbritannien Europa.

Überschätzen Sie da nicht den wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss Großbritanniens?
Nein, das glaube ich nicht. Für mich ist Großbritannien die letzte verbliebene große Macht in Europa mit einer einsatzfähigen und einsatzwilligen Armee, einem permanenten Sitz im Uno-Sicherheitsrat und einer atomaren Streitmacht. Dazu kommt die wirtschaftliche Stärke und die politische Stabilität. Meiner Meinung nach sind ähnlich wie im Fall der USA alle Prophezeiungen über den Niedergang Großbritanniens stark übertrieben.

Als Ire, der in Großbritannien lebt, dürfen Sie mit über den Brexit abstimmen, wie wählen Sie?
Ich werde nicht zur Abstimmung gehen, weil ich finde, dass es sich nicht gehört, sich als Ausländern in die Verfassungsangelegenheiten dieses Landes einzumischen. Aber wenn ich wählen würde, wäre ich für den Verbleib der Briten in der EU, bis Kontinentaleuropa seine vielen Probleme gelöst hat.

Professor Simms, vielen Dank für das Gespräch.

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