Köpfe, Kapital, Konzerne nach Brexit

Großbritannien wird zur Resterampe

Ungarn wirbt bereits um britische Firmen, Frankfurt möchte die EU-Bankenaufsicht EBA: Viele in Europa wollen aus dem Brexit Kapital schlagen. Begehrt sind auch junge, gut ausgebildete Briten – zumal Europa altert.
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Briten soll nach dem Brexit die EU-Staatsbürgerschaft angeboten werden. Quelle: AFP
Londoner Zentrum

Briten soll nach dem Brexit die EU-Staatsbürgerschaft angeboten werden.

(Foto: AFP)

BerlinAls die Briten am 23. Juni entschieden, aus der EU auszuscheiden, sandte dies zunächst Schockwellen durch Europa. Aber in vielen Hauptstädten begann gleichzeitig das Nachdenken, ob der Brexit nicht auch eine Chance sein kann. Gut zehn Tage nach dem Referendum ist klar: Europaweit wachsen die Begehrlichkeiten. Der Brexit mag der Insel schaden, aber der Rest von Europa beginnt Großbritannien als eine Art Restrampe anzusehen, die man möglicherweise ausschlachten kann. Ein Überblick:

Kampf um die Köpfe

Bereits vergangene Woche hat Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hinter den Kulissen die Idee ins Spiel gebracht, jungen Briten auf dem Kontinent jetzt die Staatsbürgerschaft der EU-Staaten anzubieten. Der Hintergedanke: Gerade viele junge, gut ausgebildete Briten würden gerne EU-Bürger bleiben, hatten beim Brexit-Referendum gegen einen Austritt gestimmt - und viele Länder auf dem Kontinent haben ihrerseits ein demografisches Problem. Die Verleihung der Staatsbürgschaft könnte also den Gastländern britischer Studenten und diesen selbst nutzen.

Am Samstag schloss sich auch SPD-Chef Sigmar Gabriel dieser Forderung an, auch bei den Grünen findet die Idee Anklang. Es geht auch um das politische Signal, dass die Briten weiter willkommen sind in der EU: „In dieser Zeit großer Unsicherheit muss man den Bürgern so viel Gewissheit wie möglich über ihre Zukunft geben. Das gilt gerade für Alltagsfragen“, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Europäischen Parlament, Rebecca Harms, zu Reuters.

Dass die EU-Politiker damit einen Nerv treffen, zeigte sich bereits im Fall Irlands: Tausende Briten bemühen sich nach Angaben der Regierung in Dublin um einen irischen Pass, um EU-Bürger bleiben zu können. Am Montag berichtete „Bild“, dass deutsche Kommunen schon vor dem Brexit-Referendum steigende Zahlen von in Deutschland lebenden Briten registrierten, die Deutsche werden wollen. Juristisch wäre dies kein Problem: Die Briten müssten ihren Pass nicht einmal zurückgeben, weil doppelte Staatsbürgerschaften in der EU kein Problem sind - und noch ist das Land ja Mitglied.

Ein Sonderfall sind die Wissenschaftler. Einige Ministerpräsidenten haben ihre Wissenschaftsminister bereits angewiesen nachzuschauen, was es auf der Insel zu holen gibt - schließlich werden viele Forschungsprojekte gerade der Top-Universitäten mit EU-Geld gefördert. Niemand weiß derzeit, ob es diese Subventionen künftig noch geben wird. „Da gibt es etwas zu holen“, sagte ein Ministerpräsident zu Reuters, der namentlich aber nicht genannt werden will. Zu stark will man das Resterampen-Rennen öffentlich nicht betonen.

Kampf um EU-Institutionen

Völlig klar ist, dass die in Großbritannien noch sitzenden EU-Institutionen nach einem Brexit verlegt werden müssen. Dies betrifft etwa die erst 2011 gegründete Europäische Bankenaufsicht (EBA). Längst ist ein Rennen entbrannt, wohin die Behörde mit 159 Mitarbeitern gehen soll. Frankfurt gilt als einer der Favoriten. Der bayerische Finanzminister Markus Söder will die EBA dagegen lieber nach München holen.

Andere argumentieren, dass ein anderes Land profitieren sollte, weil in Deutschland bereits die Europäische Zentralbank (EZB) sitzt. Italien macht sich Hoffnungen, als chancenreich gilt Spanien.

Auch die europäische Arzneimittel-Aufsicht EMA mit ihren 600 Mitarbeitern wird Großbritannien im Falle eines Brexit verlassen. Unter anderen haben Deutschland, Schweden, Italien und Dänemark bereits Interesse geäußert.

Kampf um Firmen

Ungarn hat angekündigt, offensiv auf der Insel um die Verlagerung britischer Firmen nach Südosteuropa zu werben. Das Argument: Angesichts jahrelanger Verhandlungen sei nicht sicher, ob Großbritannien am Ende noch vollen Zugang zum Binnenmarkt haben werde. Also solle man lieber gleich in einem EU-Land investieren. Auch die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) wirbt bereits um Start-Up-Firmen.

Dies dürfte nur der Auftakt für Werbekampagnen von EU-Staaten und -Regionen auf der Insel sein, um Firmen aus dem Vereinigten Königreich wegzulocken. „Es kann durchaus sein, dass Berlin Gewinner des Brexit ist“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) dem Berliner „Tagesspiegel“. Indirekter verläuft das Werben bei multinationalen Firmen, künftige Investitionen in ihre Standorte auf dem Kontinent umzuleiten.

Kampf um Territorien

Die schottische Ministerpräsidentin Nicolas Sturgeon hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Schottland auf jeden Fall Teil der EU bleiben sollte - auch wenn die Regierung in London den Brexit-Antrag in Brüssel tatsächlich einreicht. In der EU demonstriert man Offenheit: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker traf sich bereits vergangene Woche in Brüssel mit Sturgeon. Zwar lehnen Spanien und Frankreich derzeit auch aus Angst vor eigenen separatistischen Bewegungen Verhandlungen mit Schottland ab. Dies könnte sich aber ändern, wenn Großbritannien erst einmal aus der EU ausgetreten sein sollte.

  • rtr
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  • Opinion: 5 factors that could turn America into another collapsed empire.

    By Todd G. Buchholz
    Published: July 4, 2016 9:33 a.m. ET

    www.Marketwatch.com

    Interesting article. Applies to Europa to.

  • Herr J. Schwarz,

    den Start nehmen Sie doch jetzt sicherlich in die Hand. Oder?

  • Da würden die Amerikaner aber sehr beleidigt reagieren, denn es war ja mal IHRE Zone und ist es wahrscheinlich immer noch.


  • Was heißt "wir werden uns D zurück holen u. die Verantwortlichen grausam abstrafen". Und was dient als Vorlage?

  • Man könnte jetzt wetten, wer bei dem Brexit der Gewinner bzw. Verlierer sein wird.
    Ich denke, dass es kurz oder lang sichtbar sein wird.

    Aber die Vögel pfeifen es doch vom Dach....

    ....auch wenn es keiner mehr hören mag.

    .....die sprechen noch nicht einmal unsere Sprache.

    ....und ich muß auf einen Arzttermin wochenlang warten.

    ... usw.

    Braucht man hierfür überhaupt noch Worte?

  • Überall begnadete Facharbeiter mit speziellen Fähigkeiten.
    Zweieinhalb Jahre Haft für Bombenbauer aus Oberursel
    Ein Gericht in Frankfurt verurteilt ihn wegen Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz und Urkundenfälschung. Beweise für einen geplanten Anschlag auf ein Radrennen in Frankfurt gebe es nicht.

  • Abwarten und Tee trinken. Insb. Deutschland hat überhaupt kein Interesse daran, UK mit Zöllen zu belegen, ein Anschluss an den Binnenmarkt wie im Falle Schweiz oder Norwegen macht dagegen aus beiden Perspektiven am meisten Sinn. Unsinn dagegen ist dieser HB-Artikel in weiten Teilen ... eher eine beleidigt-dogmatische EU-Schrift.

    Man sollte in Brüssel lieber daran arbeiten, den bürokratischen Wasserkopf zu mindern, aber das bedeutete ja, Tausende überbezahlter und unnützer ABM-Stellen im eigenen Umfeld zu streichen, unwahrscheinlich.

    Der Druck muss aus den nationalen Mitgliedsstaaten kommen, sonst wird´s nicht besser.

  • So geht das....
    Großbritanniens Finanzminister Osborne hat angekündigt, die Unternehmensteuer nach dem Austritt aus der EU drastisch zu senken - auf einen der niedrigsten Sätze aller OECD-Staaten.
    Die Rede ist von einem Steuersatz ähnlich dem, mit dem Irland multinationale Konzerne wie Google und Facebook ins Land gelockt hat.
    Vor dem Brexit-Votum war noch von Steuererhöhungen die Rede.
    Diese Art von Steuerwettbewerb dürfte einige EU-Länder verärgern.

  • @Herr Grutte Pier

    Mit Marine-Schiffen werden die Fachkräfte an der nordafrikanischen Küste abgeholt, vielleicht werden sie an Bord gleich getestet, um sie möglichst schnell und zielgerecht bei den Firmen einsetzen zu können. Die Unternehmer warten schon seit Jahren.

  • Die PIGS sind pleite und ein Heerschar von Menschen in Europa arbeitslos.

    Wenn die EU noch nicht einmal solche Probleme löst und in den nä. Jahren noch mehr Flüchtlinge nach Europa kommen wollen -und davon gehe ich aus- wird es für diese EU Staaten und Deutschland nicht besser, eher schlechter werden. Für den einzelnen Bürger sowieso, weil es nicht vermittelbar sein wird, dass in der Klasse der Kinder und in der Nachbarschaft immer mehr soziales Gefälle und den damit verbundenen Probleme geben wird. Besonders wenn bildungsferne und fremde Kulturen das Land mit ihren religiösen Empfindungen das Land eher schwächen und nicht stärken.

    Das geht hin bis zu klammen Kassen in der Rentenversicherung, Krankenkasse und den Wartzezeiten beim Arzt.

    Die Einreise von IS-Terrorkämpern und den damit verbundenen Spätfolgen noch nicht eingerechnet.

    Warum tut sich ein Volk das an?

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