Meinungsforscher Shakespeare zum Brexit
„Angstkampagnen funktionieren besser“

Schotten, Nordiren und Walliser dürften laut Yougov-Chef Stephan Shakespeare für die EU stimmen. Welche Prognosen er noch stellt und warum er die EU-Befürworter leicht im Vorteil sieht.

LondonDer Ausgang des Brexit-Referendums hängt davon ab, wer den Briten am wirkungsvollsten Angst eingeflößt hat: Die Brexit-Befürworter, die die Angst vor einer Immigrantenflut geschürt haben oder die EU-Befürworter, die die Angst vor wirtschaftlichen Einbußen beschworen. Das war die für Freunde des politischen Diskurses ernüchternde Botschaft, die Stephan Shakespeare am Mittwochabend in das vorübergehende Handelsblatt-Domizil in London trug.

„Negative Kampagnen funktionieren einfach besser“, sagte der Gründer und Chef des internationalen Meinungsforschungsinstituts Yougov im Gespräch mit Kevin O’Brien, dem Chefredakteur der Handelsblatt Global Edition. „Wenn man den Menschen Angst vor persönlichen Verlusten macht, dann erreicht man immer die stärksten Reaktionen.“

Darum hat Yougov den Wendepunkt des Brexit-Wahlkampfes auch am 13. Juni verortet. Damals hatte Schatzkanzler George Osborne angekündigt, wie er auf ein Brexit-Votum reagieren würde, nämlich mit einem umfangreichen Programm von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen. Damit will er auf die von ihm erwarteten Folgen eines wirtschaftlichen Einbruchs in Großbritannien auf den Staatshaushalt reagieren.

Die Brexit-Befürworter schrien damals „Foul“, aber Shakespeare zufolge war diese Drohung möglicherweise der entscheidende Schachzug in der Kampagne der „Remain“-Befürworter. „Damit hat die Regierung den Bürgern die kraftvolle Botschaft gesendet, dass ein Brexit ihnen persönlich wehtun würde“, sagte Shakespeare. Für YouGov sei das der Wendepunkt gewesen, und nicht der tödliche Anschlag auf die Labour-Politikerin Jo Cox am 16. Juni.

„Der Effekt des Anschlags war aber, dass er das Brexit-Lager von drastischen Gegenmaßnahmen auf Osbornes Ankündigungen abgehalten hat“, fügte Shakespeare hinzu. Der Wahlkampf ruhte über das Wochenende und zwang die Kontrahenten, ihren Ton ein wenig zu mäßigen. Damit verstrich für die EU-Gegner die Chance, ihre Kampagne zu verschärfen.

Dennoch sieht Yougov die EU-Befürworter am Vorabend des Referendums nur um einen halben Prozentpunkt vorn – knapper geht es nicht. Das liegt im Rahmen des statistischen Messfehlers, wie auch der in Deutschland geborene Chef des Meinungsforschungsinstituts einräumte. Ein Referendum sei für Meinungsforscher eine harte Nuss, denn man könne sich nicht wie bei Parlamentswahlen an vergangenen Abstimmungsmustern orientieren.

Auch gingen die Kampflinien quer durch die Parteien und Bevölkerungsgruppen. Ein paar Muster sind dann aber doch zu erkennen: Brexit-Befürworter sind im Durchschnitt älter, weniger wohlhabend, weniger gut ausgebildet, aber leidenschaftlicher als EU-Befürworter. „Der typische Brexit-Anhänger fühlt sich durch die Globalisierung wirtschaftlich abgehängt, ist in starkem Maße auf staatliche Dienstleistungen angewiesen und hat wenig direkten Kontakt zu Immigranten“, sagte Shakespeare.

Nach Regionen dürfte es laut Shakespeare klar sein, dass Schotten, Nordiren und Walliser für die EU stimmen. Dasselbe gilt auch für die Hauptstadt London, in der der Anteil der Immigranten am höchsten ist, die Menschen aber das Leben in einer multikulturellen Metropole gewohnt sind. Es komme darauf an, wie das Ergebnis in England insgesamt ausfalle.

Eins ist für ihn klar: Eine Pro-EU-Kampagne, die aktiv für ein besseres, gemeinsames Europa wirbt, wäre wirkungslos gewesen. „Wenn Großbritannien nicht schon Mitglied der EU wäre und jetzt über einen Beitritt abstimmen müsste, dann würde es zwei zu eins gegen die EU ausgehen.“ Shakespeare selber geht übrigens heute nicht ins Wahllokal: Er hat sich entschieden, nicht mitzustimmen, um als Meinungsforscher komplett neutral zu bleiben.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Brexit
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