Nach dem Brexit-Votum
Ratlosigkeit in London

Der britische Schatzkanzler beschwichtigt die Märkte und weist den Ruf nach einem raschen EU-Austritt zurück. Doch wie es weitergehen soll, ist offen. Selbst führende Brexit-Befürworter haben keine klaren Vorstellungen.

LondonEs ist ein deutlicher Appell – und er kam bereits zu früher Stunde. „Ich beabsichtige, meine Pflicht zu erfüllen“, sagte der britische Schatzkanzler George Osborne am Montag. Es war seine erste öffentliche Erklärung nach der Austrittsentscheidung der Briten.

Die britische Wirtschaft sei für die Brexit-Folgen gewappnet, sagte Osborne. Es werde bis zum EU-Austritt keine Veränderungen bei Handel und Personenverkehr oder der Regulierung der Wirtschaft und des Finanzsystems geben, betonte der Minister, der neben Premierminister David Cameron zu den wichtigsten Fürsprechern eines Verbleibs in der Europäischen Union gezählt hatte.

Forderungen nach einem raschen formellen Austrittsantrag des Landes lehnte er jedoch ab. Die britische Regierung könne das Verfahren gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags erst „auslösen“, wenn sie dazu bereit sei und „klare Vorstellungen“ über den weiteren Weg habe, sagte Osborne noch vor Öffnung der Londoner Börse.

Es ist eine Beruhigungspille aus Westminster, die vor allem die turbulenten globalen Finanzmärkte beschwichtigen soll – die allerdings auch ein beängstigendes Manko der britischen Politik offenlegt. Denn offensichtlich herrscht unter den britischen Spitzenpolitikern noch weitgehende Ratlosigkeit darüber, wie der weitere Weg in den nächsten Wochen denn genau aussehen soll.

Der britische Premierminister David Cameron will sich zwar am Nachmittag im britischen Parlament äußern. Er hatte aber bereits klar gemacht, dass er den EU-Austritt seinem Nachfolger überlassen will. Brexit-Wortführer Boris Johnson spielte dagegen am Wochenende Cricket und zog sich in sein Landhaus außerhalb Londons zurück. Lediglich in seiner Zeitungskolumne im „Daily Telegraph“, die am Montag erschien, wendete er sich an die Öffentlichkeit und gab sich dort demonstrativ gelassen. Sein Land habe keine Eile, betonte er.

Nach seiner Einschätzung wird Großbritannien nach dem Votum für einen EU-Austritt weiter Zugang zum europäischen Binnenmarkt haben: „Es wird weiterhin freien Handel und Zugang zum Binnenmarkt geben.“ Und er verteilte in der Kolumne auch Lob an seinen ehemaligen Rivalen in der Brexit-Debatte: „Die Wirtschaft ist in guten Händen.“

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