Nordirland
Ein kleines Land wittert seine große Chance

Nordirland steht vor zwei historischen Ereignissen: Die Fußball-Auswahl kann gegen Deutschland erstmals ins EM-Achtelfinale einziehen. Doch noch viel Größeres kann der kleine Landesteil beim Brexit-Referendum bewirken.

Belfast„Wissen Sie“, fragt der Herr Ende 50, Anzug, Einstecktuch, am frühen Abend vor einem Pub im Zentrum Belfasts, „warum wir es geschafft haben, gegen die Ukraine zu gewinnen?“ Es ist eine rhetorische Frage. „Wir sind ein Team“, sagt er bestimmt. „Bei den anderen spielen elf Fußballer zusammen. Wir sind ein Team.“

Hinter ihm ist eine kleine Leinwand für die Spiele der Europameisterschaft aufgebaut. Davor stehen ein paar Bierbänke. Doch obwohl 20 Minuten später das Spiel England gegen Slowakei angepfiffen wird, haben sich gerade mal eine Handvoll Zuschauer versammelt. Am heutigen Dienstag wird das anders sein.

Wenn es gut läuft, wird Nordirland am Abend nach dem Spiel gegen Deutschland ins Achtelfinale einziehen. Das wäre eine kleine Sensation. Noch nie war das Land für die Fußball-Europameisterschaft qualifiziert. Und nun das: nach einer 0:1-Niederlage gegen Polen siegte das Team mit 2:0 gegen die Ukraine. Die Anhänger in der eigens errichteten Fanmeile am Rande Belfasts toben, singen, tanzen.

Etwa 30.000 seiner Landleute seien für die EM extra nach Frankreich gefahren, erzählt der Pub-Besucher vor der Gaststätte. Das könne der Wirtschaftsleistung des Landes schaden, scherzt er. Auch seine zwei Söhne seien dort und beide arbeiten im Familienbetrieb.

Irland ist eine kleine Insel und Nordirland der kleinere Teil davon. 1,8 Millionen Einwohner hat das Land. Seit die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten beigelegt worden sind, ist es ruhig geworden um Nordirland. Lange hat man hier geglaubt, beim Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU am Donnerstag alleine aufgrund der Größe keine besondere Rolle zu spielen. Die Nordiren machen gerade einmal drei Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Jetzt, wo die Entscheidung knapp ausfallen könnte, ist klar, sie könnten das berüchtigte Zünglein an der Waage sein.

Aktuellen Umfragen zufolge wird die Mehrheit der Bevölkerung für den Verbleib in der EU wählen. Doch die Zahl derer, die einen Ausstieg bevorzugen steigt. Auch nach Nordirland drängen die Argumente der Brexit-Befürworter: Einwanderung etwa. In Krankenhäuser brauche man einen Übersetzer, um sich mit Ärzten und Pflegepersonal zu unterhalten, beschweren sich Gäste bei einer Informationsveranstaltung in Belfast.

Dabei ist die Zahl der Neuankömmlinge in Nordirland gering. Der Ökonom Paul Mac Flynn hat eine Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen eines Brexits für Nordirland für das Nevin Economic Research Institut verfasst. „Im vergangenen Jahr lag die Netto-Einwanderung bei gerade einmal 1.500 Personen“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Nordirland hänge stark von der Europäischen Union ab, erklärt er weiter. 56 Prozent der nordirischen Waren und Dienstleistungen würden in die EU exportiert. Der größte Industriezweig hier sei die Produktion und Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln, so Mac Flynn. Für diese Güter sei es generell schwer, Handelsabkommen zu vereinbaren.

Nichtdestotrotz fordert der nordirische Journalist Alex Kane den Ausstieg. Er ist sauer, weil Versprechen nicht eingehalten worden seien. Als es darum gegangen sei, ob Großbritannien Teil der Europäischen Union werde, habe man versprochen, dass die Union nicht ein „Superstaat“ mit eigener Flagge und gemeinsamer Währung werden wolle. Das sei nicht eingehalten worden. Der EU drohe daher das gleiche Schicksal wie jedem Imperium, sagt er: Sie werde zerbrechen.

Auch Nordirland war einmal Teil eines Imperiums. Nun erhält der Inselteil Hilfen der Europäischen Union. In der internationalen Öffentlichkeit spielt der Teil Großbritanniens meist nur in historischen Berichten über den Terror der IRA eine Rolle. Am Dienstagabend wird das anders sein: Dann schauen Millionen Fußballfans auf die Mannschaft – und erleben vielleicht eine Sensation.

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Die Autorin ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte. Sie erreichen sie unter: karabasz@handelsblatt.com
Ina Karabasz
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen & Märkte
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