Proteste nach dem Brexit
„Wir sind die 48 Prozent”

Brexit-Gegner haben sich im strömenden Regen in London getroffen, um ihren Unmut über den Entscheid von vergangener Woche zum Ausdruck zu bringen und ein Zeichen zu setzen – trotz offizieller Absage der Demonstration.

LondonIn der einen Hand hält sie einen Schirm, in der anderen Hand eine Europa-Fahne – so steht Liz, eine 19-jährige Studentin, am Dienstagabend am Trafalgar Square mitten in London. Hinter ihr die Statue von Lord Nelson, vor ihr ein paar Hundert Menschen, die gemeinsam skandieren: „We love the EU, we love the EU“ (Wir lieben die EU).

Sobald die Menge leiser wird, setzt Liz erneut an und treibt die Umstehenden mit ihrer Europa-Fahne dazu an, noch lauter mitzusingen. „Irgendwie ist inzwischen bei mir eingesickert, dass wir nichts an dem Ergebnis des Referendums ändern können“, sagt die Studentin zwischendurch, „aber wir können noch ändern, wie uns der Rest Europas sieht und der soll sehen, dass nicht nur EU-Hasser auf der Insel leben.“

Eigentlich haben die Organisatoren mit bis zu 50.000 Teilnehmern gerechnet, die hier an diesem Abend gegen den Ausgang des Brexit-Referendums protestieren wollten. Aus Sicherheitsgründen ist die Veranstaltung allerdings kurzfristig abgesagt worden. Dennoch sind ein paar Hundert Menschen am frühen Abend zum Trafalgar Square gekommen, sie lassen sich auch von dem strömenden Regen nicht abhalten. „Wir sind die 48 Prozent“, heißt es auf einem der Schilder, die die Menschen hochhalten. Insgesamt 48 Prozent der Briten haben am vergangenen Donnerstag gegen einen Brexit gestimmt. „Independence for London“ (Unabhängigkeit für London) steht auf einem anderen Schild und bezieht sich darauf, dass London überwiegend gegen den Austritt votierte.

Doch unter den Teilnehmern sind bei weitem nicht nur Londoner. Eine mehr als zehnköpfige Gruppe aus einer kleineren Stadt nördlich von Birmingham ist ebenfalls extra zu dieser Veranstaltung nach London gekommen: „Es entsteht der Eindruck, als ob außerhalb von London und außerhalb von Schottland nur Austrittsbefürworter leben, das stimmt nicht“, sagt einer von ihnen, bevor er in den Gesang einstimmt: „We love the EU.“

Mit der Zeit lässt der Regen nach, die Menschenansammlung am Trafalgar Square wird größer. Viele halten Schilder mit Fotos des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und konservativen Politikers Boris Johnson sowie des Chefs der Ukip-Partei Nigel Farage in die Höhe. Beide Politiker haben sich für einen Brexit eingesetzt. „Das ist die eigentliche Gefahr – nicht die EU“, steht unter den Fotos auf dem Plakat eines Demonstranten.

„Was ist jetzt dein Plan, Boris?“ - das ist die Frage auf einem anderen Plakat. Der Mann, der es hochhält, ruft immer wieder einen Satz in die Menge: „Boris never, EU forever“ (Boris nie, EU für immer). Doch danach sieht es nicht aus: Tatsächlich hat Boris Johnson gute Chancen, Nachfolger des scheidenden Premierministers David Cameron zu werden.

Zwischendurch bahnt sich ein Mann mit schütteren rotblonden Haaren den Weg zum Denkmal von Lord Nelson: Tim Farron, Parteichef der britischen Liberaldemokraten und Brexit-Gegner. Am anderen Ende des Trafalgar Square kann man nicht verstehen, was er sagt. Es geht unter in „We love the EU“-Gesängen.

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