Referendum zum EU-Austritt
Worum es Brexit-Befürwortern wirklich geht

Viele Briten träumen vom Großbritannien der Vergangenheit: Ein glorifiziertes „British Empire“ hat Konjunktur. Die koloniale Nostalgie überlagert in der Brexit-Debatte die Fakten, schreibt eine Wahl-Britin aus London.

Mein lieber Freund,

ich sitze hier in einem Pub am Trafalgar Square in London und möchte still in mein lauwarmes Bier weinen. Gesprächsthema Nr. 1 ist der Brexit – und der Mord an der jungen Labour-Abgeordneten Jo Cox, die für den EU-Verbleib war. Die scharfen Worte in der immer hässlicher werdenden Brexit-Debatte sind nicht länger reine Rhetorik.

Meine Kumpel, die mit mir in der Kneipe sitzen, lehnen einen EU-Austritt Großbritanniens ab. Sie fürchten die negativen Folgen eines Brexits für die britische Wirtschaft. Doch sie sorgen sich auch um die Entwicklung der britischen Gesellschaft.

Was haben Ukip-Chef Nigel Farage und andere – immer stärker an den rechten Rand rückende – britische Politiker nur angerichtet, dass es zu einem Mord an einer Abgeordneten kommen konnte? Dass ein Mann „Britain first“ („Großbritannien zuerst“) rief, bevor er auf die Politikerin schoss? Und all das in einem Land, das sich für seine Fairness und Anständigkeit rühmt? Wo man eine Tasse Tee trinkt, bevor man überstürzt handelt?

Die Vorstellung, nicht mehr zur EU zu gehören, sondern einfach nur eine verregnete Insel im Atlantik zu sein, war immer schockierend. Zumal der stärkste Verbündete ein von Präsident Donald Trump geführtes Amerika sein könnte. Trump als auch Marine Le Pen, Chefin der französischen Front National, stehen für eine Politik des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit. Sie sind Todesengel unserer liberalen Ordnung. Und in diese Reihe gehören offenbar auch die Wortführer des Brexit-Lagers. Schockierend.

Wie konnte es dazu kommen, dass der Brexit in Großbritannien auf so viel Zustimmung stößt? Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft schienen so offensichtlich, dass die Brexit-Gegner – die „Bremainer“ – zu lange still hielten und nicht die Werbetrommel rührten. Erst als die Brexit-Befürworter anfingen, ins Horn des Patriotismus zu blasen, wurden die Bremainer wach.

Vor wenigen Monaten waren die Argumente in der polemischen Debatte noch unterhaltsam und ulkig. „Wir sind ein Volk, das seit jeher mutig den Sprung ins Ungewisse wagt”, sagte etwa Nathan Gill, Parteichef von Ukip Wales. „Hätte sich Captain James Cook von seinen großen Reisen abhalten lassen? Aber nein!“, rief Gill und berief sich dabei auf den großen Seefahrer des 18. Jahrhunderts. Nur weil der EU-Ausstieg ein Schritt ins Ungewisse sei, solle man sich davon nicht abschrecken lassen.

Man muss kein Experte der Geschichte Englands sein, um zu erkennen, dass in der Brexit-Debatte das britische Empire romantisiert und glorifiziert wird: Damals, so die Vorstellung, war die Welt noch in Ordnung – damals, als England die sieben Weltmeere beherrschte, Kolonien aufbaute und auch zu Hause auf der Insel alles in Butter schien.

Koloniale Nostalgie kommt in Großbritannien gut an. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge sind 59 Prozent der Briten stolz auf das ehemalige Empire, mehr als jeder Dritte wünscht es sich sogar zurück. Reste der einstigen imperialistischen Größe schlummern offenbar nach wie vor in Herz und Hirn vieler Briten – und werden jetzt gerade wachgerüttelt.

Die Geschichte des Empires lässt sich famos einsetzen, um für einen EU-Ausstieg zu werben. Es gehe, so meinen die Brexit-Befürworter, beim Referendum um die Souveränität des Landes. Großbritannien solle sich nicht länger fremdbestimmen lassen – durch Brüssel, Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder.

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