Slowaken in England
Heimatliebe im Brexit-Land

Die Zuwanderung aus Osteuropa bestimmt den Brexit-Wahlkampf. In keiner britischen Stadt leben mehr Slowaken als in Warrington. Doch die Stadt tut sich mit den Migranten schwer – nicht nur am Abend des EM-Duells beider Länder. Ein Ortsbesuch.

WarringtonEs ist ein Stück Heimat auf 50 Quadratmetern. Hier gibt es alles, was an das weit entfernte Zuhause erinnert, fein säuberlich in einfachen Regalen gestapelt: Ein unüberschaubare Menge von Süßigkeiten, aber auch Dutzende Biersorten, Schnaps vom Slibovic bis Fernet und natürlich die Würste: „Geräuchert“, sagt Ivana Czeto, „und nach den alten Rezepten.“

Die junge blonde Frau steht hinter der Ladentheke mit ihrem Mann Boris in der Slovakian Grocery in einer Seitenstraße außerhalb der wichtigsten Einkaufsmeile von Warrington. Ein kleines Städtchen mit 230.000 Einwohnern genau in der Mitte zwischen Manchester und Liverpool im Norden Englands. Direkt gegenüber dem Treffpunkt der Slowaken lockt der „Polish-Shop Krakow, der mit einem ähnlichen Sortiment an Lebensmitteln nicht nur Essbefürfnisse sondern auch Heimatgefühle abdeckt.

Doch hier in Warrington sind die Polen, die ansonsten im Großbritannien die größte Zahl von Einwanderern stellen, ausnahmsweise mal in der Minderheit. In der Stadt direkt am Ufer des Mersey wird Slowakisch gesprochen, in den Cafés, im Supermarkt, auf der Straße. Rund zehntausend Slowaken leben hier und stellen damit die größte osteuropäische Bevölkerungsgruppe. Warum das so ist? Boris lebt schon seit elf Jahren hier: „Irgendwann kam einer zum anderen dazu.“ Es hätte sich nach dem Beitritt des Landes zur EU schnell herumgesprochen, dass die Löhne die Großbritannien deutlich höher sind und das Leben angenehmer zu bewältigen ist als in der Heimat.

Im Schaufenster des kleinen Ladens hängen die Jobs, die derzeit gesucht werden und die für Einwanderer auch wegen ihrer unvollständigen Sprachkenntnisse gedacht sind: Bulettenbrater bei McDonald's, Aushilfskräfte für Lagerarbeiten, Erntehelfer für die Farmen in der Umgebung. „Alles Jobs, die die Briten nicht so gerne machen“, sagt Boris.

Er hilft inzwischen Neuankömmlingen aus seinem Land bei der Integration. Springt als Übersetzer ein und kümmert sich um die Formalitäten, auch wenn es wie in der vergangenen Woche zu einem gemeinsamen Abstecher nach Lille zur Europameisterschaft geht, wenn die slowakische Mannschaft spielt.

Die Brexit-Debatte verfolgt der 33-Jährige mit großem Interesse. „Ich möchte, dass Großbritannien in der EU bleibt“, sagt er. Zum alles überlagernden Thema der Debatte hat er eine klare Haltung: „Das Land hat keine Erfahrung mit der Einwanderung. Alle beklagen sich zwar immer über die Osteuropäer, die Polen, die Letten oder auch die Slowaken. Aber es sind doch viel weniger Immigranten hier als in Ländern wie Deutschland oder Frankreich.“

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Am Bier scheiden sich die beiden Fanlager

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