US-Politologe John Mearsheimer

„Der Brexit wäre keine Gefahr für den Frieden“

Der US-Politologe John Mearsheimer ist für seine pointierten Aussagen bekannt. Im Interview erklärt er, warum ihm der mögliche Brexit weniger Sorgen bereitet als die Militärmanöver der Nato in Osteuropa.
17 Kommentare
John Mearsheimer wurde 1947 in Brooklyn geboren. Er studierte an der Militärakademie West Point und zählt zu den bedeutendsten Theoretikern der internationalen Politik. Heute lehrt er in Chicago und schaltet sich immer wieder in politische Debatten ein. Er war ein scharfer Kritiker der Irak-Invasion und der Osterweiterung der Nato. Quelle: Imago
John Mearsheimer

John Mearsheimer wurde 1947 in Brooklyn geboren. Er studierte an der Militärakademie West Point und zählt zu den bedeutendsten Theoretikern der internationalen Politik. Heute lehrt er in Chicago und schaltet sich immer wieder in politische Debatten ein. Er war ein scharfer Kritiker der Irak-Invasion und der Osterweiterung der Nato.

(Foto: Imago)

John Mearsheimer ist einer der führenden Experten für internationale Beziehungen in den USA. Der Professor von der Chicago University hat sich als Querdenker und scharfer Kritiker der amerikanischen Außenpolitik einen Namen gemacht. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über den drohenden Brexit, Säbelrassel in Osteuropa und Donald Trump.

Die Angst vor dem Brexit hält Europa in Atem, heute stimmen die Briten ab. Premier David Cameron fürchtet nicht nur um Wachstum und Arbeitsplätze, sondern um auch Frieden und Stabilität. Zurecht?
Nein, Stabilitätsgarant in Europa ist die Nato, nicht die EU. Der Brexit würde wirtschaftlichen Schaden anrichten, in Europa und auch in den USA. Aber er wäre nicht das Ende der Nato und damit keine Gefahr für den Frieden. 

Europäer können mit dieser Sichtweise wenig anfangen. Sie begreifen die EU als Friedensprojekt.
Erinnern Sie sich daran, dass die EU 2012 den Friedensnobelpreis gewonnen hat? Was für ein Fehler! Der Preis hätte an die Nato gehen müssen. Die EU hat mit dem Frieden in Europa wenig zu tun.

Was passiert beim Brexit?

Was passiert beim Brexit?

Wie besorgt sind Sie über das Wiederaufflammen des Nationalismus in vielen Länder?
Der Nationalismus erhöht das Risiko, dass rechtsextreme Parteien an die Macht kommen. Die jüngsten Entwicklungen in Ungarn und Polen sind besorgniserregend. Die liberale Demokratie, zweifellos die beste Staatsform, ist vielerorts in Bedrängnis geraten.

Sie sagen, der Brexit würde wirtschaftlichen Schaden anrichten. Bedeutet eine wirtschaftlich schwächere EU nicht auch ein weniger schlagkräftiges Europa?
Nein. Hauptgrund für die Stabilität ist die Präsenz von amerikanischen Truppen in Europa. Solange das US-Militär auf dem Kontinent stationiert bleibt, wird es unter den europäischen Mächten kein Wettstreben um Sicherheit geben. Darum stellt auch niemand die Truppenpräsenz der Amerikaner in Frage. Deutschland muss seine eigene Sicherheit nicht gewährleisten, das übernehmen die USA. Übrigens: Auch Russland schätzt dieses Arrangement. Als der Kalte Krieg vorbei war und die Sowjetunion zerbrach, wollte Moskau nicht, dass die Amerikaner Europa verlassen oder dass die Nato aufgelöst wird. Die Russen verstanden die Rolle der USA als Sicherheitsgarant.

Der Tag der Abstimmung in Bildern
Regen in Westlondon
1 von 35

Im Südosten Großbritanniens sorgten am Wahltag Unwetter für ein Verkehrschaos.

Starkregen vor dem Bahnhof Euston
2 von 35

Die Wassermassen sorgt für zahlreiche Ausfälle im Nahverkehr der Millionenstadt.

Wahlkampf in Nordlondon
3 von 35

Olivia Sudjic wirbt für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union.

Wahlkampf bis zur letzten Minute
4 von 35

Diese Britin wirbt auf der Liverpool Street in London für einen Verbleib in der Europäischen Union.

Wahlkampf bis zur letzten Minute
5 von 35

Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpften die beiden Lager noch am Nachmittag um die letzten unschlüssigen Wähler

Jeder nur ein Kreuz
6 von 35

Wer sich nicht an die klare Vorgabe hält, könnte den Stimmzettel ungültig machen.

Der Stimmzettel
7 von 35

Das ist die Wahl, vor die die Briten gestellt sind: Soll das Land Mitglied der Europäischen Union bleiben ("Remain") oder die EU verlassen ("Leave").

Die Nato hält derzeit Militärmanöver im Osten ab. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisiert Säbelrasseln und Kriegsgeheul.
Er liegt absolut richtig. Es ist töricht, dass die Nato Truppenübungen im Osten abhält. Die Russen fassen das verständlicherweise als Drohgebärde auf. Der Westen, speziell Washington, trägt die Hauptverantwortung für die Krise in den Beziehungen zu Russland und für den Konflikt in der Ukraine. Und was der Westen jetzt tut: er verdoppelt den Einsatz, verschlimmert die Krise. Die Nato schafft die Bedingungen dafür, dass es noch schwieriger wird, mit Russland zurechtzukommen. Und noch wichtiger: Russland wird die Ukraine weiter destabilisieren, die ukrainische Wirtschaft weiter zerstören, um sicherzugehen, dass sich Kiew nicht auch noch dem Westen anschließt.

Es waren Russen, die in die Ukraine einmarschiert sind, die Krim besetzt und im Osten des Landes einen Bürgerkrieg entfacht haben – nicht der Westen. Warum soll der Westen für die Krise verantwortlich sein?
Die Ursünde war die Osterweiterung der Nato. Die Russen wollten nicht, dass die Nato sich auflöst, aber sie wollten auch nicht, dass die Nato weiter an sie heranrückt. Doch eben das ist geschehen. 2008 erklärte die Nato auf dem Bukarest-Gipfel, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder der Allianz werden würden. Es ist kein Unfall, dass es danach Krieg in Georgien und Krieg in der Ukraine gab. Die Russen haben unmissverständlich klargestellt, dass sie die Ukraine eher zerstören würden, als das Land dem Westen beitreten zu lassen. Und das tun sie jetzt. Die Ukraine zahlt den Preis für die törichte Politik des Westens.

„Großmächte verhalten sich paranoid, wenn es um ihre Grenzen geht“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
Brexit

17 Kommentare zu "US-Politologe John Mearsheimer: „Der Brexit wäre keine Gefahr für den Frieden“"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @ Frau Annette Bollmohr ---
    Trump :
    Erstens, er ist der Ansicht, dass die interventionalistische Politik der USA gescheitert ist, dass die Vereinigten Staaten einen Scherbenhaufen im Nahen Osten hinterlassen haben.

    Das ist zutreffend !!

    "Israelischer Geheimdienstchef: Wir wollen nicht, dass ISIS in Syrien besiegt wird."
    Link : http://antikrieg.com/aktuell/2016_06_22_israelischer.htm

    Fazit : "Terrorbündniss Putin/Assad" ???????????????????????????????????
    Wo ist die Heimat der wirklichen Terroristen ???

  • Der Brexit ist nur eine Gefahr für die Posten der unlegitimierten EUdSSR-"Eliten"

    Bundespräsident Gauck: Die Eliten sind gar nicht das Problem – die Bevölkerungen sind das Problem......

  • Frau Bollmohr, eine große Auseinandersetzung scheint unausweichlich.Schon Howard Buffett, US-Kongressabgeordneter und Vater der Investmentlegende Warren Buffett, sagte bereits 1948, dass es „infolge der wirtschaftlichen Stärke der USA lange dauern kann, bis das Ende des Papiergeld-Experiments erreicht ist.“

    Er orakelte:

    „Aber wenn dieser Tag kommt, dann wird unsere dannzumalige Regierung wahrscheinlich finden, dass ein Krieg im Ausland klüger ist als eine Auseinandersetzung im eigenen Land."

    Bei dem Zusatnd unseres Geldsystems, könnte es in naher Zukunft "soweit sein". Dann verbrennen die Papierschulden im Mündungsfeuer.

  • Wir brauchen weder rätseln noch bangen, denn der Brexit kommt nicht.

    Genausowenig, wie Hofer Bundespräsident wurde. Weil es einfach nicht gewollt ist.

    Also erspart uns spannende Analysen, interessante Szenarien und sonstige Zirkusnummern zum Zeitvertreib.

  • Zwei Fragen aus dem Interview lassen vielleicht erahnen, warum Obama ein entschlosseneres Eingreifen gegen den mit Moskau verbündeten syrischen Machthaber scheut:

    1. Frage: „Könnte es zum Krieg zwischen Russland und der Nato kommen?“

    Ausschnitt aus der Antwort auf diese Frage: (…) „Wenn die Allianz, die Russland im Kalten Krieg besiegt hat, immer näher an die russische Grenze heranrückt, fühlt Moskau sich bedroht. Angesichts des russischen Nukleararsenals ist dies das Letzte, was wir tun sollten. Ich sehe keinen Grund, die Russen derart zu provozieren.“

    2. Frage: „Die meisten Sicherheitsexperten argumentieren völlig anders: Russland verhalte sich aggressiv. Die Nato müsse dagegenhalten, um es nicht noch weiter zu ermutigen.“

    Dazu jetzt mein Kommentar:

    Wenn die Nato „dagegenhält“, also den Widerstand des menschenverachtenden und ohne Rücksicht auf Verluste ganze Völker mordenden Terrorbündnisses Putin/Assad mit militärischer Gewalt zu brechen sucht, verhält sie sich ihrerseits repressiv (Definition „Repression“: „Widerstand unterdrücken“). Hier bestünde das Risiko eines bislang nicht vorstellbaren „full-blown and all-out war“, wenn bei einem militärischen Eingreifen direkt gegen Assads Truppen nicht nur wirklich JEDER einzelne Fakt und JEDE noch so entfernt scheinende Eventualität bezüglich der möglichen Entwicklung der Dinge vor Ort präzise vorhergesehen und berechnet, sondern auch noch in eine auf dieser Basis (der völligen Kenntnis der für ein Gelingen eines Angriffs gegen Assads Truppen und der Reaktion Russlands darauf ausschlaggebenden Faktoren) erstellte KORREKTE strategische Planung einbezogen wird.
    Das ist wahrscheinlich nicht nur noch unendlich komplizierter als es sich hier liest, das Risiko, dass eine solche Angriffsstrategie gegen Assad/Putin die Situation noch weitaus schlimmer macht als sie jetzt schon ist, wäre wahrscheinlich trotzdem (zu?) hoch.

    Obama will es jedenfalls nicht eingehen.

  • Wie wäre es mit einen Griff in die leere Bundeskasse für irged einen Kram aus Frankreich. Die Rotweinernte für die Nächsten 50 Jahre könnte man, ohne Rückzahlung, beleihen. Erfahrungen hat man durch Griechenland mehr als genug
    für diese Geschäfte.

  • Derzeit, Herr v. Horn, ist mir Obimba als Befehlshaber lieber als die Schadensmutti.
    Der Mann scheint nicht völlig verrückt zu sein.

  • In Frankreich wird doch nächstes Jahr gewählt, Herr Spiegel, dann bessert sich die Lage automatisch....

  • Bei der Lage der Bundeswehr ist eine Modernisierung der Truppe dringend geboten. Insofern macht eine Erhöhung der Ausgaben tatsächlich grundsätzlich Sinn. Allerdings müsste sich die Bundeswehr aufgrund der gesetzlichen Vorgaben tatsächlich auf die Verteidigung des deutschen Staatsgebietes beschränken. Wenn ich aber -in der Zeit des Nato-Manövers in Polen- davon lese, dass die Bundeswehr innerhalb der NATO mehr Führung übernehmen soll, dann klingeln bei mir sämtliche Alarmglocken....
    Zudem müsste sichergestellt werden, dass von dem geld nicht wieder U-Boote verschenkt, G36 zur Verschrottung oder zu irren Konditionen Drohnen geleast würden.

    Ich weiss aber schon eie es ausgeht: es wird ein hoher Wehretat aufgebaut, wir verdteidigen unsere Grenzen überall in der Welt (Ausnahme Deutschland) und die Ausrüstung und personelle Stärkke der Truppe ist weiterhin Murks. Wäre ja auch so ein Ding, wenn ein Vasallenstaat auf einmal eine Militärmacht würde.

  • Geht gleich weiter aufwärts. Danke an die weitsichtigen europäischen Regierungen.
    Die Aussichten für die Wirtschaft der Euro-Zone haben sich weiter verschlechtert – Bestellungen in den Sektoren Industrie und Dienstleistungen sind im Juni erneut zurückgegangen. Sorgen bereitet Beobachtern insbesondere die Lage in Frankreich.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%