Verbrauchervertrauen nach dem Brexit

Im freien Fall

Die Unsicherheit greift um sich: Das Verbrauchervertrauen in Großbritannien ist nach dem Brexit-Votum so tief gefallen wie seit 21 Jahren nicht mehr. Die Mehrheit der Briten erwartet nichts gutes für die Wirtschaft.
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Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994. Quelle: dpa
London im Nebel

Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994.

(Foto: dpa)

LondonDas Brexit-Referendum hat britischen Konsumenten massiv die Stimmung verdorben. Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994. Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Marktforschungsunternehmen GfK in der Nacht zu Freitag veröffentlicht hat.

Demnach ging der entsprechende Index auf minus neun zurück – nach einem Wert von minus eins im Monat. Das sei ein eindeutiges Zeichen für die tiefe Verunsicherung der Menschen, so Joe Staton von der GfK.
In der Umfrage äußerten sich Gegner eines EU-Austritts Großbritanniens deutlich pessimistischer als die Befürworter eines solches Schritts. Beim Referendum über einen Abschied aus der Staatengemeinschaft vor zwei Wochen hatten 52 Prozent der Briten dafür gestimmt.

Insgesamt erwarten 60 Prozent der von den GfK-Marktforschern befragten Briten, dass sich die Konjunktur in den nächsten zwölf Monaten abschwächt. Im Vormonat lag dieser Anteil noch bei 46 Prozent. Ein Drittel der Befragten rechnet damit, dass die Preise deutlich steigen werden. Im Juni galt das noch für gerade mal 13 Prozent der Befragten.

Vor gut 21 Jahren, als das Verbrauchervertrauen der Briten sich ähnlich stark eintrübte, waren es Steuererhöhungen und die Angst um den Arbeitsplatz, die die Stimmung belasteten. Jetzt ist es vor allem die Unsicherheit über das, was nach dem Brexit-Votum folgt.

Denn derzeit ist unklar, wer Noch-Premier David Cameron beerben wird, wann die offiziellen Gespräche mit der EU über einen Austritt beginnen werden und wie die künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel aussehen werden.

Bereits im Vorfeld des Referendums haben zahlreiche Experten, darunter auch die Bank of England gewarnt, dass Großbritannien in eine Rezession stürzten könnte, sollte die Mehrheit der Briten für einen EU-Austritt votieren. In einer Umfrage des Finanzdienstleisters Bloomberg nach dem Votum haben drei Viertel aller befragten Volkswirte angegeben, dass einen deutlichen Abschwung auf der Insel erwarten.

Neue Super-Wahl in Großbritannien
David Cameron
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Der Noch-Premier: Nachdem die Briten für den Brexit gestimmt haben, kündigte Cameron seinen Rücktritt für September an. Fünf Kandidaten sind scharf darauf, ihn zu beerben. Sie werden sich in mehreren Wahlen den konservativen Abgeordneten stellen, wobei jeweils derjenige mit den wenigsten Stimmen aus dem Bewerberfeld ausscheidet. Am Dienstag findet die erste Wahl statt. Weitere Wahlgänge folgen am Donnerstag und am 12. Juli.

Die dann übrig gebliebenen zwei Kandidaten werden in einer Urabstimmung unter den 150.000 Parteimitgliedern antreten. Voraussichtlich am 9. September soll der Name des neuen Partei- und Regierungschefs verkündet werden.

Boris Johnson
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Der Ex-Favorit: Er war ein Anführer der Brexit-Debatte und galt damit auch als der Top-Kandidat für das Amt des Premierministers. Doch der Hardliner Johnson, der die EU seit Jahren kritisiert, erklärte wenige Tage nach dem Referendum überraschend, dass er nicht Camerons Nachfolger werden will. Vielleicht liegt es daran, dass er einige seiner Ankündigungen, die unter anderem zum Brexit geführt haben dürften, zurücknehmen musste.

Stephen Crabb
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Der Außenseiter: Auch wenn er als erster seine Kandidatur bekannt gab, werden dem 43-jährigen Arbeitsminister wenig Chancen auf Camerons Nachfolge eingeräumt. Der Befürworter für einen EU-Verbleib ist erst seit dem Rücktritt von Iain Duncan Smith im März im Amt, davor war er als Minister für Wales zuständig. Crabb stammt aus Wales, er wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung auf - ein ungewöhnlicher Lebenslauf in einer Partei, die von manchen als elitär kritisiert wird. Seine Kollegen schätzen den bekennenden Christen als liebenswürdig und gewissenhaft, zweifeln aber an seinen Führungsqualitäten.

Liam Fox
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Der zweite Außenseiter: Der ehemalige Verteidigungsminister und notorische Euroskeptiker gehört dem rechten Lager der Tories an. 2011 musste er wegen zweifelhafter Beziehungen zu einem befreundeten Lobbyisten sein Amt niederlegen. Vor elf Jahren hatte sich Fox schon einmal für das Amt des Premierministers beworben, den Sieg trug allerdings Cameron davon. Der 54-jährige ehemalige Arzt gilt als Außenseiter, kann aber auf die Unterstützung einiger Hardliner bei den Tories zählen.

Andrea Leadsom
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Die Energische: Weil sie in ihren TV-Auftritten während der Brexit-Debatte so gut überzeugen konnte, gilt sie laut der britischen Zeitung „Mirror“ als „shining light“.

Die Staatsekretärin im Energieministerium kündigte ihre Kandidatur auf Twitter unter dem Hashtag #FreshStart (Neustart) und mit der Aufforderung an, das „Beste aus den Möglichkeiten des Brexit“ zu machen. Die 53-jährige ehemalige Bankerin und Fondsmanagerin gehörte zu den führenden Vertreter des „Leave“-Lagers. Nach dem Votum vom 23. Juni rief sie zur Feier von Großbritanniens „Unabhängigkeit“ auf.

Michael Gove
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Der 48-jährige Justizminister hat mit seiner Kandidatur für allgemeine Überraschung gesorgt. Der ehemalige „The Times“-Journalist war unter Cameron bis 2014 Bildungsminister, nach der Wahl 2015 leitete er das Justizressort. Gove ist ein enger Freund und langjähriger Weggefährte Camerons - seine Entscheidung, dem Brexit-Lager beizutreten, war ein schwerer Schlag für den Tory-Chef.

Im Gespann mit Brexit-Wortführer Boris Johnson galt Gove als der nüchternere, intellektuellere Vertreter der „Leave“-Kampagne. Mit seiner überraschenden Kandidatur als Cameron-Nachfolger erzwang Gove den Verzicht des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Johnson auf das Amt. Im Falle seiner Wahl zum Premier will Gove nach eigenen Worten nicht vor dem kommenden Jahr den EU-Austritt einleiten.

Theresa May
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Die Innenministerin hat nach den Quoten der Buchmacher die besten Chancen, Nachfolgerin von Cameron zu werden. Dabei trat die 59-jährige May für den Verbleib in der EU ein. Die Tochter eines Vikars der Anglikanischen Kirche steht seit sechs Jahren an der Spitze des Innenministeriums. Sollte sie die nächste Regierungschefin werden, will May im Rahmen eines neuen Handelsabkommens mit Brüssel die Einwanderung von EU-Bürgern begrenzen. Das Votum der Briten für einen EU-Austritt sei auch eine deutliche Botschaft gegen die geltende Freizügigkeit gewesen, sagt die Favoritin in der Bewerberschar. Gleichzeitig bekräftigte May, dass es keinen „Zeitraum“ für den Brexit gebe. Vor dem Referendum hatte sie für einen Verbleib Großbritanniens in der EU geworben, sie spielte aber während der Kampagne keine prominente Rolle. May empfiehlt sich der zerstrittenen Partei als Figur des Ausgleichs.

Einzelhändler, die beispielsweise über einen Rückgang ihrer Kundenzahlen klagen, sehen dafür bereits erste Signale – ebenso wie Personalvermittler, bei denen die Zahl der offenen Stellen zurückgeht.

Die OECD hat jüngst die Sorgen, dass diese Entwicklung den Arbeitsmarkt und das Lohnniveau belasten könnte, verstärkt: Das Austrittsvotum könnte die ohnehin schon schwache Erholung der Löhne und Gehälter noch mehr erschweren. Der Ausgang des Referendums schränke zudem die Möglichkeiten des Landes ein, neue Jobs zu schaffen, heißt es im OECD-Beschäftigungsausblick.

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31 Kommentare zu "Verbrauchervertrauen nach dem Brexit: Im freien Fall"

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  • Micheline, irgendwie haben Sie recht. Alle vier Jahre gibts dieses merkwürdige Referendum namens Bundestagswahl und wenn man sieht, was die Leute da alle vier Jahre an Chaoten im Amt bestätigen, dann muss ich Ihnen beipflichten, dass diese Art von Demokratie wohl offensichtlich nicht funktioniert.
    Andererseits: der Brexit -und damit eine ECHTE CHANCE zur Demokratiiserung dieser unsäglichen Veranstaltung namens EU -die m.E. übrigens nix anderes ist, als der verlängerte Arm der USA- hätte es ohne die Briten nicht gegeben. :-)

  • Ich hoffe, dass es in D zu den wichtigen Fragen keine Volksentscheide geben wird.
    Die spielen nur den Verführern, den Demagogen und den Lügnern in die Hände (siehe Brexit, so viel, wie da in der Woche nach dem Votum zurückgerudert wurde, ekelhaft).
    An Information sind die meisten Leute doch gar nicht interessiert. Viel zu anstrengend. Verschiedene Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden - dafür hat man doch die Rattenfänger.

  • Jaaaaa...dassind sie auch......vor allem wer hier Tag für Tag nach offenen Kommentarstellen sucht.......LOL

  • "Haben Sie Argumente...."

    ARGUMENTE.....HIER.....auf der lustigsten Kommentarseite im Internet?????????

    Argumente mit Ralph, Marc,Rainer,enrico.........und dem Spiegel-Troll.......????

    HAHAHAHAHAHA.........LOL.....LOL

  • Mein Gott Hans, das ist traurig.
    Keine Ahnung von nix, aber Kommentare über Kommentare schreeben!

  • @Blumenhagen

    "........AfD-Vasallen.............."

    Haben Sie Argumente, oder können Sie auch nur pauschalieren?

  • Die Fälle Norwegen, Schweiz und Singapur zeigen, dass man auch als kleiner Staat erfolgreich sein kann. Die Regierung und der Bürger müssen sich dann aber selbst kümmern. Das nennt man übriegns Eigenverantwortung. Und die wird bei den Sozialsiten in Europa gaaanz klein geschrieben.

  • Verbrauchervertrauen in freiem Fall. Na und?

    Die britischen Bürger haben sich in einem demokratischen Verfahren -einem Volksentscheid, den es übrigens in Deutschland in dieser Form nicht gibt und so lange, wie das Land US-dominiert ist, auch nicht geben wird- dazu entschieden, wichtige Teile nationaler Souveränität nicht an ein zentralisitisches Brüssel abzugeben und vielmehr Souveränität heimzuholen und die Geschicke des eigenen Landes selbst zu bestimmen. Die Selbstbestimmmung der Deutschen hatte man denen übrigens im Zuge der Wiedervereinigung versprochen und was ist draus geworden? Wir lassen und von einer Dame mit ungeklärter SED-Vergangenheit die Rest von Demokratie und Rechtssaatlichkeit quasi widerspruchslos demontieren.

    Die Frage ist doch, was war den Bürgern Grossbritanniens wichtiger: Kontrolle über das Staatsgebiet, Erhalt von Demokratie und Rechtsstaat, Haftung für Verbindlichkeiten Dritter, Öffnung des Sozialstaats für alle oder ein paar %te Wachstum? Die Engländer haben sich entschieden und ich finde man sollte das respektieren. Wobei heute noch in keiner Weise ausgemacht ist, ob die Engländer am Ende tatsächlich die gemeinschaft verlassen.

    Der nächste der aus der Reihe tanzt, ist übrigens Ungarn mit seinem Referendum zur merkelverordneten Zuwanderung (das Brexit war nix anderes).

    Und Europa sollte sich mal um seine eigenen "freien Fälle" kümmern, ob Griechenland, Portugal oder die jüngst auftretende 360-MRD-Euro Schieflage im italienischen Bankensektor, die personellen Fehlbesetzungen in Brüssel, das horrende Demokratiedefizit in Europa, die militärische Eskalation an der Ostflanke des EU-Territoriums, das Unding, dass sich die europäische Marine im Mittelmeer als Schlepper beteiligt,......

  • Herr Dieter Kreischer, vielen Dank, Sie haben mich zum lachen gebracht: Die Millionäre und Reichen zahlen für die Hartzer, seit wann das denn?
    Muss was neues sein.

  • Interessant zu lesen, wer alles was den Briten alles prohpezeit. Fakt ist, der FTSE 100 steigt wieder auf Jahreshoch. Die Börse ist nicht besonders beeindruckt von dem pro Brexit Votum. Der Pfund zum Eurokurs war auch schon mal tiefer. Irgendwie passen die herbeigeredeten Katastrophen nicht zur realen Lage.

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