Vor dem Referendum
BBC überführt Debatten-Schummler

Die BBC-Debatte in der Wembley-Arena verlief rasant. Beide Lager sehen ihre Positionen gefestigt, neue Argumente gab es aber nicht. Zum Nachlesen: Der Live-Kommentar von unserem Korrespondenten Christoph Kapalschinski.

London/EdinburghMittwoch ist der letzte Tag für die beiden Brexit-Kampagnen. Ein Show-Höhepunkt war bereits die BBC-Debatte in der Wembley-Arena vor 20.000 Menschen. Der öffentlich-rechtliche Sender vermarktete das Event als das größte seiner Art jemals in Großbritannien. Das Team für den Brexit: der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson, die Labour-Abgeordnete Gisela Stuart und Energieministerin Andrea Leadsom. Gegen den Brexit argumentierten: der aktuelle Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, die Chefin der schottischen Konservativen Ruth Davidson und Gewerkschaftschef Frances O'Grady. Unser Korrespondent Christoph Kapalschinski hat den Schlagabtausch aus Edingburgh aus mitverfolgt und live kommentiert. Folgend das Wichtigste im Überblick:

+++ BBC überführt die Debatten-Schummler +++

Die Fakten-Checker der BBC, die im Hintergrund die Aussagen aus der großen Debatte überprüft haben, haben besonders häufig das Brexit-Lager bei Falschaussagen erwischt. Besonders oft traf es eine Politikerin: Energieministerin Andrea Leadsom hatte etwa behauptet, 60 Prozent der britischen Regulierung stamme von der EU. Die BBC sagt: Nur 13 Prozent der Gesetze kommen aus Brüssel – und nicht alle sind für das UK relevant.

Die Ministerin, die sich gegen Premier David Cameron stellt, sagte auch, Großbritannien sei 70 Mal in Brüssel überstimmt worden. Was sie nicht sagte: Im selben Zeitraum stand das Land mehrere Tausend Mal auf der Siegerseite. In 98 Prozent der Fälle konnte sich die UK-Position durchsetzen.

Ebenfalls behauptete die Ministerin, 1,7 Milliarden Pfund britische EU-Mittel gingen an die Türkei im Beitrittsprozess. Tatsächlich verteilen sich aber 1,2 Milliarden Pfund auf fünf Beitrittskandidaten. Zudem behauptete sie, Großbritannien müsse für künftige Bail-outs zahlen. Allerdings hat ihr Chef Cameron bereits erreicht, dass das Land ausgenommen wird.

Ex-Bürgermeister und Brexit-Star Boris Johnson leistete sich ebenfalls einen Fauxpas: Er sprach von Millionen Toten in den Balkankriegen. Geschätzt werden allerdings 100.000 – noch immer eine tragische Zahl.

Einen Trick erlaubte sich EU-Anhänger Sadiq Khan: Der Londoner Bürgermeister behauptete, die Euro-Zone wachse schneller als Großbritannien und die USA. Das gilt allerdings nur für das abgelaufene Halbjahr, in dem diese Zone 0,5 Prozent zulegte, GB und USA nur 0,4 Prozent. Im Gesamtjahr 2015 sah es völlig anders aus: Eurozone 1,5 Prozent, UK 2,2 Prozent und USA 2,4 Prozent.

+++ Gefühl gegen Vernunft +++

Zeit zum Luft holen: Die Debatte war unglaublich rasant. Neue Argumente kamen nach Wochen heftigen Wahlkampfs nicht auf. Dafür fehlte in dem Sendungsformat auch die Ruhe. Drei Sprecher auf jeder Seite ließen wenig Raum für längere Beiträge.

Die Debatte zeigt aber auch, wie die rhetorisch geschulten britischen Politiker das Referendum nutzen. Boris Johnson hinterlässt einen starken Eindruck – obwohl sein Nachfolger Sadiq Khan versuchte, ihn als Lügner zu vernichten. Johnson ließ diese Versuche souverän abprallen.

Letztlich dürfte die Debatte die Anhänger beider Seiten in ihrer Meinung gefestigt haben. Keine Seite hat sich blamiert, keine überraschende Punkte gemacht. Premierminister David Cameron tauchte wohlweislich nicht auf – und verhinderte damit, dass es zu einem Duell Johnson-Cameron wurde.

Unklar ist, welchen Einfluss die Debatte auf Unentschlossene hatte. Khan zeigte echte Passion für die EU, was der Debatte zuletzt fehlte. Letztlich aber ging es wiederum um recht eng britisch zentrierte Argumente ohne allzu viel Weitblick. Mehr Stimmen von außerhalb hätten der Sendung gutgetan, denn das Experten-Panel kam kaum zu Wort – und musste sich zudem jeweils einem Lager zurechnen lassen.

Immerhin: Das Format hat wesentlich besser funktioniert als die legendär-gescheiterte österreichische Präsidentendebatte ohne Moderator. Aber viel gefehlt hätte dem Referendums-Wahlkampf ohne diese größte Debatte auch nicht.

Klar sind weiterhin die beiden Narrative: Das Brexit-Lager behauptet, für Hoffnung auf positiven Wandel zu stehen und gegen eine EU-Verbleib aus Angst (und hat offensichtlich von der Obama-Kampagne gelernt). Das EU-Lager präsentiert sich dagegen als Stimme der Vernunft. Verborgen dahinter schimmern durch: eine gewisse Xenophobie des Brexit-Lagers und ein Technizismus beim EU-Lager. Freitag wird feststehen, ob Emotion oder Rationalität siegen.

+++ "Donnerstag kann unser Independence-Day werden" +++

Die Debatte ist zu ende. Beim Schlusswort macht Boris Johnson, Ex-Bürgermeister von London, Punkte für den Brexit. Die schottische Konservative, Ruth Davidson, bleibt nämlich ausgerechnet beim Schlusswort blasser als in der Debatte: "Das Britannien, das ich kenne, zieht sich nicht von seinen Nachbarn zurück", sagt sie. Die EU habe zwar Fehler, bringe aber mehr Vorteile.

Zuletzt spricht Boris Johnson. „Es gibt eine klare Wahl – die einen sprechen nur von Angst, wir aber sprechen von Hoffnung“, ruft er. „Wir glauben an Britannien. Sie sagen: Wir schaffen es nicht. Wir sagen: Wir schaffen es.“ Die EU-Freunde unterschätzten die Fähigkeiten des Landes.

„Wenn wir aufstehen für Demokratie, stehen wir auf für Hunderte Millionen Menschen in Europa, die keine Stimme haben.“ Er plädiert: „Dieser Donnerstag könnte der Independence-Day dieses Landes werden.“ Großer Jubel – und Buh-Rufe. Johnson trifft das richtige Maß Pathos. Der Moderator beendet die Debatte. Jetzt geht die BBC in die Analyse.

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