Brexit-Untersuchung
Notenbank sendet geheime Mail an Medien

Kalkül oder Panne? Die britische Notenbank hält einen „Brexit“ für so wahrscheinlich, dass sie mögliche Folgen prüfen lässt. Streng geheim, versteht sich. Doch eine vertrauliche Mail dazu landete bei der Presse.
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LondonSie trug den Namen „Bookend“ („Bücherstütze“) und war als vertraulich eingestuft: In einer Untersuchung spielt die britische Notenbank den Austritt Großbritanniens aus der EU vor – und rüstet sich für dieses Szeneario. Die Bank of England hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, um mögliche Risiken eines Brexits abzuklopfen.

Mit der Leitung wurde Jon Cunliffe beauftragt, der bei der Bank für die Finanzstabilität zuständig ist. Dass sich die Zentralbank überaupt für ein solches Sznarion rüstet, sollte eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Kam es aber doch, denn die E-Mail mit Details der Untersuchung wurde an die britische Zeitung „The Guardian“ geschickt – ob bewusst zugespielt oder aus Versehen bleibt offen.

Mitarbeiter der Zentralbank wurden angewiesen, auf Fragen zu dem Projekt zurückhaltend zu regieren und allenfalls von einer allgemeinen Untersuchung zur Wirtschaftssituation im europäischen Raum zu sprechen. Die Bank gab zu, dass die E-Mail irrtümlich verschickt wurde. Es sei aber auch keine Überraschung, dass die Notenbank diese Untersuchungen mache.

Die Analysen einer Notenbank können einen großen Einfluss auf die öffentliche Debatte eines Landes und die internationalen Märkte haben. Deswegen sind ihre Einschätzungen fast immer streng geheim.

Derzeit wappnet sich die Insel für das von Premier David Cameron versprochene Referendum über einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU. Bis dahin – spätestens 2017 – verhandelt er mit dem Rest der Union über Reformen, die den Nationalstaaten mehr Souveränität lassen würden.

Dass die Bank of England einen „Brexit“ überhaupt in ihre Kalkulationen einbezieht, war bislang sowohl den britischen Journalisten als auch den meisten Mitarbeitern der Notenbank nicht bekannt.

Die Panne ist nicht das einzige Kommunikationsdesaster eine Notenbank in dieser Woche: Bereits am Montagabend sorgte die EZB für eine peinliche Posse. EZB-Ratsmitglied Benoit Cœuré hatte angekündigt, einen Teil der für Juli und August geplanten Bond-Käufe auf Mai und Juni vorzuziehen und sorgte damit zum Wochenbeginn für einen Kursverfall der europäischen Gemeinschaftswährung.

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