Brief an Georgios Papandreou
„Es gibt ein Leben nach dem Tod“

Die Wahrheit, dass Griechenland sparen muss, ist in eine Unwahrheit umgekippt. Die Zahlungsunfähigkeit rückt näher. Jetzt muss das bisher Undenkbare gedacht werden. Ein offener Brief an den griechischen Premierminister.
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Sehr geehrter Premierminister,

lieber Herr Papandreou,

mit großem Respekt verfolgt die westliche Welt Ihre Anstrengungen, der Schuldenkrise Herr zu werden. Kein anderes demokratisches Land hat in Friedenszeiten etwas Vergleichbares geleistet: Sie schrumpfen den Staatsapparat, Sie bekämpfen die Korruption, Sie erziehen Ihre Landsleute zur Steuerehrlichkeit. "Ich will den Griechen das Lächeln zurückgeben", haben Sie am Abend Ihrer Wahl gesagt. Aber in Wahrheit wollen Sie den Griechen etwas viel Wertvolleres zurückgeben: ihre Selbstständigkeit. Die haben sie im Zuge der Schuldenkrise verloren. Ihr Koalitionspartner sind die Banken. Ihr Koalitionsvertrag ist auf einen großen Schuldschein geschrieben.

Für mich sind Sie ein moderner Held. Sie versuchen das Unmögliche. Als Sohn eines verfolgten und verfemten Politikers, der von der Militärjunta gejagt wurde, sind Sie mit der Gefahr groß geworden. Als die Offiziere Ihren Vater suchten, der sich auf dem Dachboden versteckte, setzte man Ihnen eine entsicherte Pistole an die Stirn und forderte Sie zum Verrat auf. Sie haben die Anwesenheit Ihres Vater geleugnet, bis der in Sorge um das Leben seines Sohns das Versteck verließ. Später flohen Sie mit ihm nach Amerika, wo Sie Ihre Jugend verbrachten. Ihr Englisch ist exzellent, Ihr Verstand hell, Ihr Wille eisern. Von alledem konnte ich mich überzeugen, als wir uns im vergangenen Frühjahr zum Gespräch in Ihrem Amtszimmer trafen. Sie sind das, was die Amerikaner einen "larger-than-life-character" nennen.

Die Vorgängerregierungen haben Ihr Land in Richtung Ruin getrieben. 340 Milliarden Euro Schulden lasten auf dem griechischen Staat. Das ist das 155-Fache des Gewinns der 60 größten Unternehmen Ihres Landes, das 1,5-Fache dessen, was der Maastricht-Vertrag erlaubt. Diese Zeitung hat vor einem Jahr zum Kauf griechischer Staatsanleihen aufgerufen, um dem Land das zu geben, was es genauso dringend braucht wie Geld: Vertrauen. Wir wollten mithelfen, eine privat finanzierte Lösung zu finden, die ohne das Geld der europäischen Steuerzahler auskommt. Wir wollten auch mithelfen, die Negativspirale aus wachsendem Zweifel und steigendem Zins zu durchbrechen. Alle wollten das, die Ihnen Garantien gaben und Kredite zusagten: die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds, die Regierungschefs.

Doch die Spirale dreht sich seither schneller, nicht langsamer. Als wir uns trafen, im Mai 2010, lag der Zinssatz, zu dem man Ihrem Staat auf zehn Jahre Geld lieh, bei acht Prozent. Heute liegt er bei 16 Prozent. Und er dürfte weiter steigen. Schon bei 16 Prozent Zinsen rentiert sich keine Investition, rafft es jeden Hausbauer dahin. Kein Staat der Welt kann 16 Prozent Zinsen zahlen. Die bittere Wahrheit, die Sie und alle, die Griechenland helfen wollten, sich eingestehen müssen, ist: Die Hilfe hilft nicht. Ihr Land gerät immer tiefer in den Schlamassel.

Die Investoren verlangen einen derartig hohen Risikoaufschlag, weil sie sich selbst misstrauen. Bei 16 Prozent ist der Teilverlust des Investments einkalkuliert. Die Investoren betäuben sich mit dem hohen Zinssatz.

Sie als Premierminister versuchen, den Investoren die Angst zu nehmen. Indem Sie immer heftiger sparen, Staatsbetriebe verkaufen, Ihrem Volk immer höhere Steuern abverlangen. Doch Ihr Angstbekämpfungsprogramm ist mittlerweile selbst furchterregend geworden. Das Volk ächzt, die Schulden wachsen, die Wirtschaft schrumpft, so dass Sie aus einem immer kleineren Kuchen immer größere Brocken an die Investoren geben müssen. Um mindestens drei Prozent wird sich 2011 das Bruttosozialprodukt verkleinern. Es müsste aber drei Prozent wachsen, wenn Sie bis 2040 Ihre Schulden wieder auf das erlaubte Limit senken wollten. Das wird immer unrealistischer. Man kann sich keine Muskeln anhungern.

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Kommentare zu " Brief an Georgios Papandreou: „Es gibt ein Leben nach dem Tod“"

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  • Mich würde die Antwort auf den offenen Brief interessieren-wenn es überhaupt eine geben wird.
    Wofür wird in dem Brief eigentlich genau plädiert? Klarer Schuldenschnitt oder nur Laufzeitverlängerung bei reduzierten Zinssätzen oder eine Mischung aus beidem? In jedem Fall gilt aber, dass ein Schuldenschnitt allein auch keine Lösung ist, denn damit sind die zugrundeliegenden gravierenden Probleme (mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, falsche Wirtschaftsstrukturen) nicht gelöst.Zudem besteht das Problem des moral hazard: Griechenland wird für seine über Jahrzehnte fehlgeleitete Politik durch einen Schuldenschnitt quasi "belohnt"

  • Herr Steingart, Sie haben praezise formuliert, was viele Griechen denken. Ich bin ein Grieche aus Athen, der bedauerlicherweise feststellen muss, dass es eines auslaendischen Kommentars bedarf, um uns die Augen fuer die Wahrheit zu oeffnen.
    Nach mehr als einem Jahr in tiefer "Schei...", sind wir immer noch nicht in der Lage die Dinge klar zu erkennen - ein typisches Beispiel dafuer ist Herr Magliveras Antwort: ein sentimentaler Brei aus irrelevanten Bemerkungen.
    Herr Steingart, vielen Dank fuer Ihren offenen und ehrlichen Brief.
    Ihrer positiven Meinung ueber Herrn Papandreou kann ich mich allerdings nicht anschliessen, aber vielleicht handelt es sich hierbei um einen Ausdruck Ihrer Liebenswuerdigkeit.

    Stefanos Kokkalis









  • Welcher Quatsch! Papandreou eine "larger than life" Figure. Der Mann ist hoffnuglos dumm und unfähig. Deswegen macht schlussendlich keinen Unterschied, ob Griechenland Insolvenz anmeldet oder nicht. Mit Papandreou an den Helm und mit den Ideen die er (genauso wie fast alle andere Griechische Top-Politiker)steht, gibt's kein Leben nach dem Tod. Er muss weg, neue Ideen mussen her. Das ist die enizige Rettung!
    Ein Griecher

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