Briten hoffen auf Reformen
Merkel sucht Nähe

Nach Paris und Brüssel hat die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen Antrittsbesuch in London abgestattet. Nach einem Gespräch mit dem britischen Premierminister Tony Blair sagte sie am Donnerstag, sie wolle die Beziehungen zu Großbritannien wieder vertiefen.

LONDON. Einen guten Rat für ihren Londoner Antrittsbesuch am Donnerstag gab die „Times“ der deutschen Bundeskanzlerin. Sie möge „das Eisen schmieden, so lange es heiß ist“. In London erhofft man sich von der deutschen Regierungschefin Angela Merkel neue außenpolitische Akzente: Hin zu einer Wiederbelebung der transatlantischen Beziehung und weg von der engen Umklammerung der deutschen Europapolitik durch den französischen Präsidenten Jacques Chirac. Erwünscht wird eine engere Kooperation mit Großbritannien.

Im Mittelpunkt der Gespräche Merkels auf der Insel stand die EU-Haushaltskrise. Merkel hatte schon im Voraus einen neuen Tonfall angeschlagen, als sie in Brüssel erklärte, der EU-Haushaltsstreit dürfe nicht auf eine Abschmelzung des britischen Beitragsrabatts verengt werden. Deutschland wolle eine konstruktive Rolle in dem Streit spielen.

Ob Merkel eine Vermittlungsrolle spielen kann, muss man abwarten. Aber Premier Tony Blair war wohl schon für die Veränderung im Tonfall dankbar. Merkels Bemerkung, es habe wenig Sinn, gegenseitige Feindbilder aufzubauen, hörte sich in London wie ein Tadel an Bundeskanzler Gerhard Schröder an, der die Auseinandersetzungen um den Britenrabatt zu scharfen Konfrontationen nutzte.

Nach einem 30-minütigen Gespräch unter vier Augen stand eine Runde mit den Stäben auf dem Programm. Beide Seiten müssen ihre Positionen in einer breiten Palette von Themen vergleichen, darunter auch die Welthandelsrunde. Insbesondere wollte Blair gestern aber wissen, wie stark Merkels Engagement für Wirtschaftsreformen in Deutschland und ganz Europa nun ausfallen wird. Eine Wiederbelebung der Dienstleistungsdirektive liegt den Briten am Herzen und wäre für London ein Zeichen, dass Deutschland die Auseinandersetzung mit der Globalisierung nun anders angeht als unter Schröder.

Geplant war ein kurzer, betont nüchterner Besuch. Zum freundschaftlichen Dinner in der Downing Street, wie einst mit den Schröders, war keine Zeit. Merkel wird das ganz gut gepasst haben. Nachdem die deutsch-britischen Beziehungen zu Zeiten von Schröder und Blair erst über emotionale Höhen liefen und sich in den letzten Monaten von Rot-Grün in einem frostigen Kältetal verliefen, soll nun das nüchterne Gleichmaß herrschen, das dem Charakter der Bundeskanzlerin entspricht.

Auch in London musste man die Erwartungen herabstufen. Seit Blair und Merkel im Juni in Berlin Berichten zufolge eine neue Führungsallianz für Europa vereinbarten, um Öffnung und Wirtschaftsreformen sowie die offene Auseinandersetzung mit der Globalisierung voranzutreiben, haben beide Federn lassen müssen. Blairs europäische Reformoffensive ist wirkungslos verpufft. Merkel dagegen muss zeigen, wie viel politischen Spielraum sie überhaupt hat.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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