Großbritannien wählt
Camerons letzte Schlacht

Nach fünf Jahren Koalition fällt die Bilanz des britischen Premiers David Cameron nüchtern aus. Der Tory-Chef hat nicht überzeugt. Und selbst wenn seine Partei am 7. Mai die Mehrheit holt, braucht er Steigbügelhalter.
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LondonEs war ein bisschen wie nach einer gewonnenen Schlacht: David Cameron von den konservativen Tories und Nick Clegg von der Liberaldemokratischen Partei (LibDem) standen im Mai 2010 im Rosengarten der Downing Street, präsentierten ihre Pläne für die nächsten fünf Jahren, scherzten, lachten, versprühten jugendlichen Esprit und Optimismus – im von der Finanzkrise schwer geprügelten Großbritannien. Die erste Koalitionsregierung seit dem Krieg versprach eine Erfolgsstory zu werden. Doch was folgte, war Ernüchterung.

Fünf Jahre später steht Großbritannien vor einem parteipolitischen Scherbenhaufen. Die Koalition ist abgewirtschaftet, an den politischen Rändern haben sich starke Kräfte gebildet, das Wahlsystem ist marode und die Verfassungsordnung offenbart schwere Mängel.

Eine beispiellosen Politik der Sozialkürzungen, die selbst zu Zeiten Margaret Thatchers so nicht durchsetzbar waren, hat die Briten ernüchtert. „Die Situation war unglaublich hart“, sagt Cameron heute. „Die Krise unseres Bankensystems war deutlich größer als die Griechenlands“, sagt er.

Am Donnerstag werden nun rund 30 bis 35 Millionen Briten wieder wählen gehen – das Unterhaus. Premierminister Cameron muss hoffen, darf aber von den Wählern keine klare Bestätigung seiner Arbeit erwarten. Zu viele Fehler sind ihm unterlaufen: Stellte er doch nach dem knapp gewonnenen Schottland-Referendum Queen Elizabeth II bloß, die in Großbritannien zumindest nach außen unumstößlich ist.

Cameron brüskierte aber mit seiner trotzigen Anti-EU-Haltung außerdem halb Europa. Als er mit Rücksicht auf die Lobbyisten in der Londoner City den EU-Finanzpakt im Alleingang verhindern wollte, holte er sich die erste blutige Nase. Als er glaubte, den EU-Veteranen Jean-Claude Juncker vom Amt des Kommissionspräsidenten fernhalten zu können, die zweite.

Nicht nur den Wählern ist aufgefallen, dass Cameron mit dieser Art von Kopf-durch-die-Wand-Politik nicht punkten kann. „In Brüssel weiß jeder, dass er nicht die Interessen seines Landes vertritt, sondern die des rechten Flügels seiner Partei“, lästert Widersacher Ed Miliband. Camerons Weigerung, in einem direkten Fernsehduell gegen den Labour-Mann anzutreten, machte sogar den als blass und linkisch verspotteten Labour-Mann plötzlich salonfähig. 

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