Großbritannien wählt
Sinkender Wohlstand im Zentrum

Die Wirtschaftserholung ist in Großbritannien stärker ausgefallen als in anderen westlichen Ländern. Die Konservativen sollten eigentlich keine Probleme haben, die Früchte zu ernten. Doch die Realität sieht anders aus.
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BedworthEs sind Wähler wie Joe Terrence in Bedworth in den Midlands, die der britische Premierminister David Cameron überzeugen muss, wenn er auch nach der Wahl am Donnerstag im Amt bleiben will. 2010 gelang seinen Tories die Sensation, als sie mit gerade einmal 54 Stimmen Vorsprung Labour hier den Sitz wegschnappten. Auch in anderen Wahlkreisen in der Industrieregion rund um die zweitgrößte britische Stadt Birmingham verlor Labour damals viele Wahlkreise an die Konservativen.

„Letztes Mal hätte ich fast für Cameron gestimmt“, erzählt der 37-jährige Paketzusteller während einer Arbeitspause in der früheren Bergarbeiterstadt. „Ich war überzeugt, dass ein Wechsel nötig ist.“ Aber auch diesmal werde er wieder bei Labour sein Kreuz machen. „David Cameron sagt zwar, dass wir alle in einem Boot sitzen, hat aber keine Ahnung vom wirklichen Leben.“ Freunde und Familie hätten mit stagnierenden Löhnen zu kämpfen, während gleichzeitig bei den Sozialleistungen gestrichen werde, klagt Terrence.

Dabei sollten die Konservativen auf dem Papier keine Probleme haben, die Früchte einer Wirtschaftserholung zu ernten, die in Großbritannien stärker ausgefallen ist als in so manch anderem westlichen Land. Die Beschäftigungssituation hat sich deutlich verbessert, auch in den West Midlands. Logistikunternehmen haben sich angesiedelt und Arbeitsplätze für die einst vom Bergbau abhängige Region geschaffen.

Aber die Lohnsteigerungen sind über Jahre hinweg hinter der Inflationsrate zurückgeblieben. Ein Vorgang, den es nach Einschätzung des Chefökonomen der Bank von England seit Mitte des 19. Jahrhunderts so nicht mehr gegeben hat. Und Labour versucht, den Wahlkampf auf diese „Krise bei den Lebenshaltungskosten“ zu lenken. In den vergangenen drei Jahren stiegen die Haushaltseinkommen um weniger als zwei Prozent. Nach den Rezessionen in den 80er und 90er Jahren waren es noch neun beziehungsweise fünf Prozent gewesen, wie das Institute for Financial Studies errechnet hat. Im Gegensatz dazu liegen die Einkommen in Frankreich oder Deutschland klar über dem Niveau von vor fünf Jahren.

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