Parlamentswahl in Großbritannien
Der britische Stellungskrieg um die Wirtschaft

Die Tories zeichnen düstere Szenarien für die Wirtschaft mit Labour an der Macht. Der Gegner setzt auf Soziales. Doch die Gretchenfrage nach mehr oder weniger Staat lässt die Briten kalt. Gefahr droht von ganz woanders.
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LondonWenn es nach den Plänen von Lynton Crosby ginge, müssten die Tories den Sieg in der Tasche haben. Bis zuletzt versuchte Tory-Chef David Cameron den Briten den Spruch einzubläuen, den sich der Wahlkampfstratege als Essenz des Wahlkampfs ausdachte: „Verhindert das Chaos einer Labour-Regierung und wählt am Donnerstag konservativ.“

Auch Tory-Schatzkanzler George Osborne trat noch einmal aufs Gas: Die wirtschaftliche Glaubwürdigkeit Großbritanniens werde sich „in fünf Minuten in Luft auflösen“, falls Labour das Ruder übernehme, warnte er. Investoren würden schnell einen Schluss ziehen: „Dies ist nicht das Land, wo wir unser Geld investieren wollen“, sagte er der „Financial Times“.

Was ging schief mit dem Plan des australischen Meister-Taktikers? Die düsteren Warnungen der Tories zeigten wenig Wirkung. Die Parteien liegen, bis zuletzt, hartnäckig Kopf an Kopf. Der harte Wirtschaftswahlkampf, den beide Seiten sich lieferten, war ein bewegungsloser Stellungskrieg.

Die Tories heuerten den Australier Crosby 2012 an, als sie in den Umfragen auf einem Tiefpunkt lagen. Der 58-Jährige gilt als Meister im Wahlkampf. Er sicherte etwa drei historische Wahlsiege für den australischen Konservativen John Howard und zwei Londoner Tory-Siege für den Bürgermeister Boris Johnson. „Crosby ist der Mann, mit dem man auf die Tigerjagd geht“, lobte Johnson. Und Crosby braucht dafür nur eine Waffe: Eine klare Botschaft, die mit eiserner Disziplin eingesetzt wird.

Das Wahlangebot, das er für die Tories formulierte, hätte nicht klarer sein können: Kompetenz oder Chaos, Wirtschaftsaufschwung und mehr Jobs oder Rückfall in Defizit, Schulden und Stagnation. Zusätzlich erfand Crosby eine Kernparole, die Tory Politiker wie lebende Gebetsmühlen Tag für Tag herunterbeten mussten: „Der langfristige Wirtschaftsplan“, der erst halb auf dem Weg sei. Die implizierte Logik: Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, alles durch einen Regierungswechsel aufs Spiel zu setzen.

Ein „exklusiver Brief“ von 5000 kleinen und mittleren Unternehmern, den die Tory-Zeitung „Daily Telegraph“ vergangene Woche „exklusiv“ auf ihrer Titelseite veröffentlichte, fasst Crosbys Argumente so exzellent zusammen, dass man denken können, er selbst habe den Text verfasst. In der Tat – Recherchen ergaben schnell, dass der Brief von seiner Wahlkampfmaschine initiiert war: „Unternehmen wie unsere haben geholfen, seit 2010 Tausend Jobs pro Tag zu schaffen. Wir wollen, dass David Cameron und George Osborne die Change bekommen, zu vollenden, was sie begonnen haben“, schreiben die Unternehmen .

Aber dann stieß Crosbys Wirtschaftswahlkampf auf einen ebenso diszipliniert gefochtenen „Sozialwahlkampf“ der Labour-Party. Parteichef Ed Miliband, der seit der Entmachtung der „Blairites“ und der „neuen Mitte“ einen konsequenten Linkskurs vorgibt, versuchte gar nicht erst, um Unterstützung von Unternehmern zu buhlen. Seine Kernbotschaft: Die Wirtschaft Großbritanniens funktioniert nur, wenn sie für die arbeitenden Menschen funktioniert.

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