Wahl in Großbritannien
Schottlands eiserne Lady räumt alles ab

Nicola Sturgeon ist die heimliche Gewinnerin der Britenwahl: Mit ihrer Nationalpartei SNP hat sie fast alle Sitze in Schottland geholt und Labour gedemütigt. Doch ausgerechnet ihr Erfolg verhindert eines ihrer Wahlziele.
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LondonIn der Wahlnacht blieb Nicola Sturgeon noch auf der Hut. „Ich betrachte die Hochrechnungen mit großer Vorsicht“, twitterte die Parteichefin der schottischen Nationalpartei SNP in der Nacht zu Freitag angesichts der ersten starken Prognosen für ihre Partei. Doch keine zwölf Stunden später ist für die 44-Jährige, die erst im Herbst den Parteivorsitz der linken Nationalpartei übernahm, Gewissheit geworden, was sie sich zuvor nur erträumen konnte: Ihre Partei erreicht einen Erdrutschsieg im Norden der Insel – und fügt der Labour-Partei eine verheerende Niederlage zu.

Eroberte die SNP bei den vergangenen Unterhauswahlen 2010 in Großbritannien lediglich sechs Sitze, die Schottland nach London ins Parlament entsendet, sind es nun mindestens 56 Plätze. Sturgeon darf sich damit als heimliche Siegerin der Wahl fühlen, auch wenn ausgerechnet ihr Erfolg mit dafür verantwortlich ist, dass eines ihrer wichtigsten Wahlziele nun unerreicht bleibt: Die Ablösung des konservativen Premierministers David Cameron.

Schottlands eiserne Lady. Nachdrücklich hat sich Sturgeon mit dem Erdrutschsieg in Schottland auf der politischen Karte in Westminister eingetragen. Denn die 44-Jährige hat das beeindruckende politische Kunststück geschafft, in ihrer Heimat noch beliebter zu sein als ihr Vorgänger, der charismatische langjährige schottische Ministerpräsident und SNP-Parteichef Alex Salmond – und das, obwohl die Partei die von ihr angezettelte Abstimmung über ein Unabhängigkeitsvotum Schottlands deutlicher als gedacht verloren hatte.

Salmond hatte nach der Niederlage im vergangenen September den Platz für Sturgeon geräumt und wird statt dessen künftig im Unterhaus in London als SNP-Abgeordneter Cameron das Leben schwer machen. Doch die neue starke Frau in der Partei ist spätestens seit diesem Freitag Sturgeon. „Begrüßen Sie mit mir die einzige Parteivorsitzende in Großbritannien, die bei den Menschen beliebt ist. Unser 'First Minister': Nicola Sturgeon!“, wurde sie beim Parteitag der Scottish National Party vor ein paar Wochen vorgestellt.

Es sind Erwartungen, die die Schottin, die es schon als Teenager in die Politik zog, nun glänzend erfüllt hat. Politikwissenschaftler begründen den Erfolg der linksgerichteten Partei mit der enormen Mobilisierungswelle, die das verlorene Unabhängigkeitsvotum seit September bei den Wählern in Schottland ausgelöst habe: Die Mitgliederzahl der SNP sei danach auf 100.000 geklettert – und habe sich damit vervielfacht. Es ist ein Rückenwind, der Sturgeons Selbstbewusstsein erklärt.

Schon vor wenigen Tagen erklärte sie vorsorglich, dass eine neue Regierung in London keine Legitimität besitze, wenn sie nicht auch Stimmen aus Schottland repräsentiere. Doch genau so wird es nun wahrscheinlich kommen – und Schuld daran hat auch der Erfolg der 44-Jährigen, die nur wegen ihres Machtinstinkts und Kleidungstils, sondern auch wegen ihrer sachlich-nüchternen Beharrlichkeit auf der Insel bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel verglichen wird.

Denn es sind gerade die Verluste in Schottland, die die Niederlage von Oppositionsführer Ed Miliband nun so deutlich ausfallen lassen – und die Furcht vieler Briten vor einer Labour-Minderheitsregierung, die von der SNP toleriert würde. Gerade die Konservativen schürten gezielt die Angst vor einem möglichen Labour-SNP-Bündnis. „Die SNP wird die Labour-Regierung als Geisel nehmen“, hatte Cameron gesagt. „McMiliband“ tauften sie den sozialdemokratischen Konkurrenten und warben bei den englischen Wählern mit dem Slogan „Englische Stimmen für englische Gesetze“. Miliband schloss zwar eine Koalition mit der SNP schon vor der Wahl aus – aber das schwache Abschneiden von Labour konnte dies nicht verhindern. Miliband ist als Labour-Chef bereits zurückgetreten, der neue Star auf der Linken in Großbritannien heißt statt dessen Sturgeon.

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  • So schnell wirtd man beim Handelsblatt "Eiserne Lady"? Indem man ein gutes halbes Jahr zuvor Parteichefin wird? Indem man fast alle Wahlkreise gewinnt? Nein, Eiserne Lady wird man, wenn man sich mit seinen Zielen "gegen die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks... sich waffnend gegen eine See von Plagen durch Widerstand sie enden." Die nächsten fünf Jahre muss sie zeigen, was sie und ihre Partei mit der neu gewonnenen Macht anfängt. Vielleicht ist das Selbstbewußtsein der Schotten jetzt groß genug, um nicht das Heil in der Sezession zu suchen.

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