Wahltag in Großbritannien
Erst Speck, Spiegelei, Bohnen – dann ins Wahllokal

Heute wählen die Briten – und warten gespannt. 650 Wahlkreise müssen ihr Ergebnis bekanntgeben, bevor alles entschieden ist. Auf die Insel wartet die aufregendste Wahlnacht der jüngsten britischen Geschichte.
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LondonDas Wahllokal im Kindergarten der Derwentwater School ist seit sieben Uhr offen. Aber die Crew von der Müllabfuhr im Churchfield Café um die Ecke hat morgens um 10 Uhr noch nicht ans Wählen gedacht. Mit ihren gelben Signalwesten besetzen die Männer einen ganzen Tisch und essen Speck, Spiegelei, Bohnen, Würste und trinken milchigen Tee. „Vielleicht später“, sagt einer, den Buttertoast in der Hand. Begeistert klingt er nicht. „Sie machen doch, was sie wollen“, fügt ein anderer zu und alle brummen zustimmend.

Rund 45 Millionen Briten können heute ein neues Unterhaus wählen. 650 Abgeordnete in 650 Wahlkreisen im ganzen Land, in jedem wird einer direkt gewählt. Es ist für die Insel die spannendste Wahl seit Menschengedenken. In den letzten Umfragen lagen Labour und die Tories mit jeweils 34 Prozent Kopf an Kopf – ziemlich genau an der gleichen Stelle, wo sie schon im Januar waren, bevor alles richtig begann.

Gewählt wird das 56. Parlament des United Kingdom seit Gründung der „Union“ durch die Vereinigung der Parlamente von Schottland und England. Pessimisten glauben, dass es das letzte sein könnte. Die Schotten haben längst wieder ein eigenes Parlament und wollen ein eigenes Land.

Die SNP liegt in Umfragen bei fast 50 Prozent und wird damit den Großteil der 59 schottischen Sitze gewinnen. „Ins Bett. Morgen ist ein großer Tag für Schottland“, hatte SNP Chefin Nicola Sturgeon am Mittwoch Abend kurz vor Mitternacht getwittert. Sie war eindeutige Siegerin des „Twitter-Wahlkampfs“.

Im Churchfield Café wird den ganzen Tag Frühstück serviert. Flora, die betagte Rentnerin, scheint die einzige zu sein, die ihre Stimme schon abgegeben hat. Sie frühstückt hier fast jeden Tag, Milchkaffee und Croissant, damit sie unter die Leute kommt: Sie ist auch die einzige, die in der Straße zum Wahllokal ein Labour Schild an ihr Fenster geklebt hat. „Es wird Zeit, dass die Tories hinausgeschmissen werden. Ich habe Hoffnung, immer“, sagt sie und hält den Daumen hoch.

Wer den Wahlkampf nicht im Fernsehen verfolgte, wird wenig davon mitbekommen haben. Sogar hier, in Ealing in Westlondon erfuhren es die Leute aus dem Fernsehen, dass Bürgermeister Boris Johnson mit der Tory-Abgeordneten Angie Bray der Einkaufsstraße einen Blitzbesuch abgestattet hatte.

Sie hatten Flugblätter in der Hand, aber solche Wahlkampfauftritte sind nur noch Fototermine. Wo die Wahlkämpfer überhaupt auf echte Wähler treffen, die nicht von Partei-Apparatschiks vorsortiert wurden, wird nicht diskutiert, nicht einmal geschimpft – es werden nur Handys hochgestreckt und Selfies mit Promis gemacht.

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