Parlamentswahlen Großbritannien 2017

Wahl in Großbritannien
Jeremy Corbyn - Rebell oder Prinzipienreiter?

Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei wird von seinen Anhängern als Gegenentwurf zum opportunistischen Berufspolitiker gefeiert. Doch seine Prinzipientreue ist auch sein größtes Problem.
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LondonJeremy Corbyn sitzt vor einem Stapel Autogrammkarten in seinem Büro im britischen Parlamentsgebäude. Mit ernster Miene signiert er jede einzelne davon. Die Szene stammt aus einer Dokumentation des Magazins „Vice“ über den Labour-Chef. Corbyn wird von seinen Anhängern gefeiert wie ein Popstar. Kaum ein Wahlkampftermin, bei dem der 68-Jährige nicht von Fans belagert wird.

Der dreifache Vater und in dritter Ehe verheiratete Politiker gilt als ehrliche Haut, der nicht mit den schmutzigen Tricks der politischen Konkurrenz kämpft. Persönliche Angriffe und Schmähungen beantwortet er nicht. „Das ist nicht mein Stil“, so Corbyn.

Er konzentriert sich auf Sachfragen, die ihm wesentlich erscheinen. Das sind vor allem soziale Themen wie Wohnungsnot, der schlechte Zustand des Gesundheitssystems und die Renten. Corbyn gilt als absolut prinzipientreu. Er soll sich vegetarisch und fast zuckerfrei ernähren, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken.

Die Labour-Basis liebt ihn dafür. Doch dazu muss man wissen: Viele Corbynistas, wie seine Anhänger in der konservativen Presse genannt werden, sind der Labour-Partei erst vor Kurzem beigetreten. Manche gehen soweit zu sagen, Corbyn habe die Partei gekapert.

Bei der Gesamtbevölkerung kommt er lange nicht so gut an. Umfragen zeigen, dass ihm nur eine kleine Minderheit der Briten das Amt des Premierministers zutraut. Corbyn sieht dahinter eine Verschwörung der Medien und des Establishments. „Sie wollen nicht, dass wir gewinnen. Denn wenn wir gewinnen, siegt das Volk und nicht die Mächtigen“, sagte er bei einer Wahlkampfrede.

Der politische Höhenflug Corbyns war nicht abzusehen. Mehr als 30 Jahre lang ist er ein Hinterbänkler bei Labour im britischen Parlament. Seit 1983 sitzt er für den Londoner Wahlkreis Islington North im Unterhaus. Corbyn macht sich als Parteirebell einen Namen, der nicht selten gegen die Anträge der eigenen Fraktion stimmt. Er ist einer der entschiedensten Gegner des Irakkriegs 2003.

Das Schicksal wendet sich, als Labour unter der Führung von Ed Miliband 2015 gegen die Konservativen verliert. Corbyn tritt um den Posten als Parteichef an. Obwohl ihm nur Außenseiterchancen eingeräumt werden, gewinnt er mit überwältigender Mehrheit.

Noch deutlicher ist sein Sieg ein Jahr später, als ihm nach dem Brexit-Votum der Briten eine rebellierende Labour-Fraktion das Vertrauen entzieht und in eine Neuwahl um den Parteivorsitz zwingt. 172 von 230 Labour-Abgeordneten sprechen ihm das Misstrauen aus. Mehr als die Hälfte seines Schattenkabinetts läuft ihm davon. Sie werfen ihm vor, sich nicht ausreichend für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union eingesetzt zu haben. Doch die Basis hält ihm die Treue und befördert ihn per Urwahl wieder an die Spitze.

Corbyn behandelt den EU-Austritt wie eine unabwendbare Naturkatastrophe. Das vor Gericht von der Investmentmanagerin Gina Miller hart erkämpfte Recht des Parlaments, über die Scheidung von der EU abstimmen zu dürfen, gibt Corbyn leichtfertig aus der Hand. Er weist seine Fraktion an, für das Brexit-Gesetz zu stimmen, obwohl die Regierung alle Änderungsanträge der Opposition ablehnt.

Ähnlich verhält es sich, als Premierministerin Theresa May überraschend vorgezogene Neuwahlen ankündigt. Sie braucht dafür eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Corbyn könnte sich querlegen, könnte May zwingen, sich per Misstrauensantrag aus dem Amt entheben zu lassen, um Neuwahlen zu erreichen. Doch er winkt den Antrag durch, obwohl alle Umfragen seiner Partei eine Niederlage voraussagen.

Für die EU könnte Corbyn der angenehmere Verhandlungspartner sein. Er stellt den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt über die Kontrolle der Zuwanderung. EU-Bürgern, die bereits in Großbritannien leben, will er ein uneingeschränktes Bleiberecht garantieren.

Doch es gilt - trotz seiner Aufholjagd in den letzten Wochen - als eher unwahrscheinlich, dass Corbyn die Wahl gewinnen wird. Beobachter glauben, dass er bei einer Niederlage seinen Stuhl räumen muss.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • England - geliebter Feind wird heute zur Wahl zeigen, wie gespalten das Land wirklich ist.

    Die Formel - Je höher die Spaltung eines Landes - so schlimmer die Regierung, lässt sich auf alle Staaten übertragen und vor allem auf Deutschland. Ein gespaltenes Land zu regieren und die Spaltung zu zementieren ist ein Staatsversagen und gefährlich wie man in England sieht.

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