Britische Konservative wollen schlanken Staat mit Solidarität verbinden
Tories trimmen sich für den Sturm auf die Labour-Bastionen

Der Parteitag der britischen Konservativen begann unter Wehklagen und endete mit demonstrativem Optimismus. Parteipräsident Francis Maude warnte das Parteivolk am Sonntag noch, die Partei werde ohne eine radikale Selbsterneuerung nicht überleben. In seiner Abschlussrede sprach der scheidende Parteichef Michael Howard am Donnerstag in Blackpool von der „erfolgreichsten Konferenz seit Jahren“.

HB BLACKPOOL. Die Partei strotze vor Energie und jungen Leuten, „die elektrisiert sind von dem Gedanken, die konservative Partei neu aufzubauen“.

In Blackpool präsentierten sich gleich fünf Tories, die die Partei in diesen Aufbruch führen wollen. In den kommenden zwei Wochen werden die 196 Unterhausabgeordneten eine Zweierliste aufstellen, über die dann die Parteibasis entscheidet. Wer neuer Torychef wird, soll am 6. Dezember bekannt gegeben werden.

Nach drei Wahlniederlagen, inneren Streitigkeiten und einem Mangel an Führungspersönlichkeiten wittern die Tories Morgenluft. Sie setzten auf die vage Aussicht, dass Labour-Premier Tony Blair sein Amt an Schatzkanzler Gordon Brown übergibt – der als leichterer Gegner gilt. Zudem dürfte Labours Wirtschaftswunder in den kommenden Jahren an Strahlkraft verlieren.

Mit einer großen Kandidatenkür zeigten die Tories in Blackpool, dass sie diese Chancen nutzen wollen. Es ging dabei weniger um politische Inhalte als die Suche nach einem attraktiven Führer. Klar ist aber auch, dass die Tories den politischen Kompromiss mit Labours sozialdemokratischeren Initiativen vollzogen haben. Sie denken sogar an eine Namensänderung nach dem Beispiel von Blairs „New Labour“ – etwa als „Reformkonservative“.

Am griffigsten formulierte es der Kandidat der neuen Generation, der 38-jährige David Cameron. Die Partei müsse zeigen, „dass sie nicht nur an das ,Ich’ sondern auch an das ,Wir’ in der Gesellschaft glaubt“, sagte er in seiner begeistert aufgenommenen Rede. Alle Bewerber um die Parteiführung – und damit automatisch das Amt des Premiers – fordern einen schlankeren Staat und niedrigere Steuern. Aber alle betonten auch die Notwendigkeit gesellschaftlicher Solidarität und Sicherheit.

Einen Rückschlag erlitt der Favorit der Unterhausfraktion, David Davies, dessen Rede langweilig wirkte. Davies und Schattenaußenminister Liam Fox waren die einzigen, die das Thema Europa noch einmal hochspielten – lange Zeit das große Spaltthema der Konservativen und in den Augen des Tory-Fußvolk der Schwachpunkt des Pro-Europäers Kenneth Clarke.

Clarke, der ehemalige Schatzkanzler, der sich als Architekt des britischen Wachstumsbooms der letzten 14 Jahre sieht, präsentierte sich als der einzige mit der Autorität, einen Labourpremier Brown zu schlagen. Frontal zog er gegen Labours Wirtschaftsbilanz ins Feld.

Doch es war der junge David Cameron, der in Blackpool seinem Ruf als der neue „Tony Blair“ alle Ehre machte und den 65-jährigen Clarke wie einen Mann von gestern aussehen ließ.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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