Britischer Multikulturalismus
Großbritannien: Der 7. Juli zwingt zum Umdenken

Die Londoner Terroranschläge haben den britischen Multikulturalismus bestätigt - und zugleich in Frage gestellt. Spiegelten die Opfer des Anschlags das Völkergemisch des modernen Großbritannien, zeigten die Terroristen, welch tiefe Kluft durch die Gesellschaft geht.

mth DÜSSELDORF. "Wir sind nicht aufeinander losgegangen, wie es die Terroristen wollten", sagte Londons Bürgermeister Ken Livingstone. Aber für die "Daily Mail"-Kolumnistin Melanie Phillips waren dies die ersten Selbstmordanschläge überhaupt, bei denen die Täter das eigene Volk attackierten. Sogar der Vorsitzende der "Kommission für Rassengleichheit" warnte, in der Wortverbindung "britische Muslime" müsse das "britisch" wieder mehr Beachtung finden. Londons Polizeichef Ian Blair wies Forderungen, mehr britische Flagge zu zeigen zurück, erhofft sich aber ein Zusammenrücken der Gemeinschaften.

Die Erkenntnis, dass die Mehrheit der britischen Muslime in gefährlicher Distanz und Entfremdung zu ihrem Land lebte, war allen gemeinsam. Der alte Grundsatz, dass alle Kulturen gleich wertvoll sind und sich Gemeinsamkeiten von selbst herausschälen würden, schien durch den Terroranschlag in Frage gestellt. Man sprach nicht von Integrationszwang, aber davon, dass der gesellschaftliche Kitt gestärkt werden müsse. Seit dem 7. Juli führen die Briten fast so etwas wie eine Leitkulturdebatte.

Schon früher haben Rassenunruhen die Mängel einer Sozialpolitik aufgezeigt, die den Integrationszwang zu Gunsten des Rechts auf kulturelle Selbstentfaltung zurückstellt. Basis des Umgangs mit den ethnischen Gruppen sind scharfe Anti-Diskriminierungsgesetze, die unter anderem von der Rassengleichheitskommission überwacht werden. Das hat Großbritannien, etwa im Vergleich zu Frankreich, einen höheren Anteil von Minderheitsvertretern in allen Bereichen beschert - Abgeordnete, Journalisten, Unternehmer. Andererseits beförderte diese Politik auch eine größere Trennung: Statt Schleierverbote nach französischem Vorbild zu erlassen, finanzieren die Briten Muslimschulen, Arabischkurse in Moscheen und montieren Straßenschilder in Sprachen wie Bengali oder Farsi. Als der Bradforder Schulleiter Ray Honeyford vor über 20 Jahren vor den Folgen der praktisch bestehenden "Rassentrennung" in den Schulen warnte, wurde er wegen seiner unkorrekten Ansichten aus dem Amt gedrängt. 2001 brachen in Bradford Rassenunruhen aus und man erinnerte sich an ihn. Engländer und Muslime lebten in "Parallelwelten" urteilte der Stadtrat von Bradford.

Seit dem 7. Juli, angesichts einer Generation, die sich ihren in den Heimatländern verwurzelten Eltern entfremdet hat, ohne in der neuen Heimat Fuß zu fassen, denkt man wieder an Honeyford zurück. Der frühere Innenminister David Blunkett führte eine Bürgerzeremonie und den Nachweis von Englischkenntnissen für Einwanderer ein.

Nun wird geprüft, ob Imame auf Kenntnisse der Landessprache und der britischen Demokratie geprüft werden sollten. "Es genügt nicht mehr, dass wir den Terror verurteilen. Wir selbst müssen die falschen Propheten und Ideologen ausrotten", sagte der junge muslimische Labourabgeordnete Shahid Malik. Die von über 500 Religionsführern des Britischen Muslimforums herausgegebene Fatwa gegen Gewalt und Selbstmordattentate und das Treffen der Muslime in der Downing Street am Dienstag waren ein Anfang. Die Einbindung der Muslime ist zur Staatsaufgabe geworden.

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