Brüsseler Stadtteil Molenbeek
Die Hochburg der radikalen Islamisten

Wie mitten in Europa eine Islamistenhochburg entstehen konnte, kann niemand genau erklären. Doch der Brüsseler Stadtteil Molenbeek bietet offensichtlich einen idealen Nährboden für terroristische Strukturen.
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MolenbeekIm Jugendzentrum „Foyer“ ist die Welt noch in Ordnung. Die in den 60er-Jahren gegründete Einrichtung ist unter Jugendlichen sehr beliebt, denn hier bleiben Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt vor der Tür. Auf dem Hof, der von bunt bemalten Mauern umschlossen ist, geht es ausgelassen zu. Unter wildem Geschrei kickt sich eine Gruppe Jugendlicher einen Fußball zu.

Auf dem Hof ist auch Johan Leman, ein freundlich dreinblickender, gemütlicher Mann im Rentenalter. Der emeritierte Professor für Anthropologie ist in Molenbeek ein Urgestein. Seit fast 30 Jahren leitet er das „Foyer“. Mit einem gewissen Stolz sagt er: „Wir sind ein Treffpunkt, an dem verschiedene Kulturen zusammenkommen. Mit verschiedenen Aktivitäten bemühen wir uns, unter den Jugendlichen und Kindern einen sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Das ist hier nicht unbedingt selbstverständlich.“ Denn Molenbeek ist einer der berüchtigsten Bezirke Europas – ein „Terrornest“ oder eine „Islamistenhochburg“, wie es in der internationalen Presse oft heißt.

Mehdi Nemmouche, der 2015 vor einem jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss, wohnte hier vor der Tat. Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge von Paris im November 2015, Abdelhamid Abaaoud, und sein mutmaßlicher Helfer Salah Abdeslam wuchsen hier auf. Auch die Terrorzelle der Brüsseler Anschläge im März 2016 hatte enge Verbindungen zu Molenbeek. Von den geschätzt rund 500 belgischen Dschihadisten, die sich in Syrien und Irak der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben, kommt mehr als jeder Zehnte von hier.

Die Gemeinde, in der rund 25 Prozent der Bewohner marokkanische Wurzeln haben, bietet offensichtlich einen idealen Nährboden für terroristische Strukturen und für Radikalisierung. Die Jugendarbeitslosigkeit lag zuletzt bei Werten deutlich über 30 Prozent. Laut einer Studie des European Institute of Peace floriert zudem der Drogenhandel und es gibt wenig Wohnraum. In einer Liste der 589 belgischen Gemeinden wird Molenbeek als zweitärmste geführt.

Johan Leman sieht Armut jedoch nicht unbedingt als Hauptursache der Extremismus-Probleme. „Es sind nicht die Ärmsten, die sich in Molenbeek radikalisieren. Abaaoud hat eine gute Schule besucht, Abdeslams Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen“, sagt er mit Blick auf die zwei bekannten Mitglieder der Pariser Terrorzelle. Leman sieht eher den grassierenden Drogenhandel in Molenbeek als entscheidenden Faktor. „Molenbeek befindet sich auf einer Linie, die in Marokko beginnt, Spanien und Frankreich durchzieht und in Brüssel endet (...) es scheint mir, dass drogenkriminelle Strukturen wohl dschihadistische Netzwerke begünstigen.“

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Die Kommune kämpft gegen die Radikalisierung

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