Buchkritik: „Deutschland könnte gehasst werden wie eine Kolonialmacht“

Buchkritik
„Deutschland könnte gehasst werden wie eine Kolonialmacht“

Star-Investor George Soros fürchtet: Der Euro könnte die europäische Gemeinschaft zerstören. Er fordert entschlossenere Schritte, um die Krise zu bewältigen. Nur Deutschland kann für einen Ausweg sorgen.
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DüsseldorfGeorge Soros neigt zu provokanten Thesen. Vor knapp einem Jahr hielt er an der Frankfurter Universität einen Vortrag zur Euro-Krise und sagte dem Publikum offen ins Gesicht: „Entweder Deutschland akzeptiert Euro-Bonds oder es muss aus dem Euro austreten.“

Eigentlich bräuchte Soros sich nicht auf diese Art unbeliebt zu machen. Er ist 83 Jahre alt und steinreich. Mit Spekulationsgeschäften hat er ein Vermögen von über 20 Milliarden Dollar angehäuft. Sein wohl legendärster Scoop war 1992 eine Wette gegen das Pfund. Damals lieh er sich zehn Milliarden Dollar und spekulierte auf eine Abwertung der britischen Währung. Er gewann und zwang die altehrwürdige Bank von England in die Knie.

Wieso wendet sich dieser Mann im hohen Alter mit unpopulären Thesen zur Euro-Krise an die deutsche Öffentlichkeit? Wer das verstehen will, sollte den neu erschienenen Interviewband „Wetten auf Europa“ von Spiegel-Autor Gregor-Peter Schmitz lesen. In den Gesprächen mit Soros geht es um den Ursprung der Europäischen Union, die Gründe der Euro-Krise, die Rolle der Märkte und die Zukunft Europas.

Der Leser erfährt im Laufe der Gespräche viele persönliche Anekdoten. Zum Beispiel, dass Soros eigentlich Philosoph werden wollte. „Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt: Ich wollte in den USA binnen fünf Jahren ein Vermögen von 500.000 Dollar aufbauen und dann nach Großbritannien zurückkehren, um mich voll und ganz auf meine Arbeit als Philosoph konzentrieren zu können“, sagt Soros. Das sei sein „persönlicher Fünf-Jahresplan“ gewesen. „Nur leider ging er schief. Ich verdiente mehr Geld in den ersten fünf Jahren als erwartet …“

Manche Anekdoten haben auch einen ernsten Hintergrund. In der Euro-Krise malt Soros die Situation immer besonders schwarz. Einmal gab er dem Euro nur noch drei Monate zum Überleben. Seinen Hang für extreme Szenarien erklärt er mit Erfahrungen aus der Kindheit. Er wuchs in einer jüdischen Familie in Ungarn auf. Als er 14 Jahre alt war, überfielen die Nazis das Land. George Soros und seine Familie überlebten damals nur, weil sein Vater ihnen falsche Papiere besorgte. „Ich denke stets an die negativsten Folgen, die man sich vorstellen kann, damit ich auf das Schlimmste vorbereitet bin und entsprechend vorbeugen kann“, sagt Soros. So habe es sein Vater damals auch gehalten: „Als die Deutschen Ungarn besetzten, hat er sich umgehend um falsche Papiere gekümmert.“  

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Der größte Fehler in der Euro-Krise

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Es fehlt eine positive Vision für Europa

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  • Soros hat zu viele Wetten darauf laufen, dass Deutschland Eurobonds stützt, um kein Eigeninteresse an der Verkündung seiner Wahrheit zu haben.

  • Ich denke, dass Herr Soros einige ganz grosse Punkte einfach nicht richtig darstellt: wenn Deutschland (oder jeder andere Staat) gemeinsamen Anleihen zustimmt, dann ist es so als ob man ein Checkbuch in den Händen fremder Regierungen gibt, und dafür haften muss. Und es gibt jede Menge an Beispielen wo die Regierungen haufenweise Gelder vergeudet haben, um politische Zustimmung vom Volk zu bekommen, oder auch um persönlische Interessen nachzugehen, oder auch ganz einfach aus Inkomptenz.
    Wahrscheinlich hat Herr Soros irgend eine Spekulation im gange, die massiv von solch einer Entwicklung profitieren würde.

  • Dass Soros sein Wesen als gnadenloser Spekulant hinter philanthropischem Engagement verborgen halten will, kann nicht verwundern. Denn wie heißt es anfangs im Artikel: Der Herr hat "... ein Vermögen von mehr als 20 Milliarden Dollar angehäuft"! Und dieses sein gigantisches Vermögen ist es, das seinen Worten Gewicht verleiht.

    Was unsere Probleme mit Europa und dem Euro anbelangt, kann ich Soros nicht als uneigennützigen und ehrlichen Ratgeber ansehen. Tatsache dürfte doch sein, dass Deutschland sich die Wiedervereinigung seinerzeit mit Zugeständnissen hat erkaufen müssen, mit dem Verlust an wirtschaftlicher Autonomie und staatlicher Souveränität. Hinfort sollte Deutschland einzustehen haben für das "Projekt Europa". Und die solchermaßen gesteigerte Attraktivität Westeuropas würde die (einstigen) Satellitenstaaten des Ostens in den Hegemoniebereich der USA ziehen.

    Nachdem sich die deutschen Politiker in gewohntem Gehorsam die große Aufgabe "Europa" zu eigen gemacht und die nationale Währung abgeschafft haben, ist vom einstmaligen "Europa der Vaterländer" die Rede nicht mehr. Jetzt wird Deutschland für die wirtschaftlichen Probleme der Eurozone verantwortlich gemacht. Mit Asche auf dem Haupt und Geld in der Hand soll der deutsche Michel durch Europa ziehen!

    Das Europa, das wir nun sehen, ist den Europäern fremd. Es ist nicht entstanden aus sehnsuchtsvollem Streben der Völker nach Grenzen überwindender Gemeinschaft, sondern ihnen verordnet aus nüchternem, machtpolitischem Kalkül heaus. Die Europäer sind fremdbestimmt. Und darin liegt die Ursache für die Probleme, die uns erwachsen. Angesichts dessen dürften die Belehrungen eines Oberspekulanten aus Übersee wenig hilfreich sein.

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