„Bürgerkrieg an der Seine“
Frankreichs Image im freien Fall

"Bürgerkrieg an der Seine." Die internationalen Medien vermitteln ein desolates Bild aus dem Frankreich der heißen "Stadtguerilla" mit Straßenkämpfen und brennenden Autos. TV-Kameras sind auf die heruntergekommenen Trabantenviertel gerichtet, und die Kommentare sprechen von einer Pariser Regierung, die mit der Gewalt der Krawallmacher nicht fertig wird. Jetzt kommen noch Reizworte wie Notstand, Ausgangssperre oder Repression dazu sowie Bilder von einem müde wirkenden Präsidenten Jacques Chirac, der sich nur wenig äußert.

HB PARIS. Frankreichs Image ist im freien Fall. "Das Land sendet derzeit eine Menge negative Signale in die Welt aus", meint Aurore Wanlin vom Londoner Centre for European Reform. Nach dem spektakulären Nein zur EU-Verfassung, mit der die Franzosen Europa in eine Krise stürzten, machte Jacques Chirac mit innenpolitisch motivierten Angriffen auf die EU-Kommission und ihre Agrarpolitik Schlagzeilen, die außerhalb Frankreichs gar nicht gut ankamen. Es ist lange her, dass die Politik gegen den Irak-Krieg Frankreich glänzend in der Welt dastehen ließ. Die gescheiterte Integrationspolitik beschädigt nun vielmehr selbst das doch sonst sehr positive Bild Frankreichs in der arabischen Welt.

Es gibt den schweren politischen Knacks für die einstige "Grande Nation", die sich gern bei den Menschenrechten und im Kampf für ein soziales Europa ganz vorn sieht. Doch auch die Tourismusindustrie bangt: Wenn Bilder von vermummten Steinewerfern und brennenden Schulen um die Welt gehen, dann muss dies Folgen für das vielbesuchte Urlauberland haben. "Zutiefst ramponiert" sei jetzt der Ruf des Landes und die Attraktivität Frankreichs angeschlagen, klagt die Arbeitsgeberpräsidentin Laurence Parisot. In Australien und Japan, Großbritannien und Russland wurde vor "urbaner Gewalt" bei den Franzosen gewarnt - obwohl noch kein Tourist zu Schaden gekommen ist.

Die Krawallnächte und der Image-Schaden stürzen die Franzosen noch mehr in die Depression. Wirtschaftsflaute, hohe Arbeitslosigkeit, das geringe Vertrauen in die Regierenden und in die Zukunft stressen sie. Jetzt zucken sie zusammen, wenn im Radio ausländische Kommentatoren von den unmöglichen Zuständen in ihrer stolzen Nation sprechen. Und der 72-jährige Präsident auch nicht dabei hilft, sie aufzurichten.

Der kanadische Autor Jean-Benoît Nadeau sieht vor allem die Medien in den USA und Großbritannien "genüsslich über das berichten, was jetzt in Frankreich los ist." So werden die Vorurteile gepflegt und vertieft - hatten nicht die Franzosen erst vor Wochen verständnislos den Kopf geschüttelt, als der Hurrikan "Katrina" die Weltmacht USA völlig überforderte?

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