Bürgerkrieg droht
Russland warnt vor Eskalation im Kaukasus

Vielleicht war der erste Schuss bloß ein Versehen, ausgelöst durch die Unachtsamkeit eines georgischen Grenzsoldaten. Vielleicht wähnte sich ein Soldat im Visier eines gegnerischen Scharfschützen – und feuerte vorsorglich drauf los. Oder gab es wirklich einen Schussbefehl von georgischer Seite? Die Gründe, die am Wochenende zu einem Feuergefecht in Südossetien geführt haben, liegen noch immer völlig im Dunkeln.

MOSKAU. Die Behörden der abtrünnigen, aber international nicht anerkannten Teilrepublik Georgiens sprechen von sechs Toten und 15 Verletzten, die nächtlichen Angriffen georgischer Scharfschützen und Granatwerfer zum Opfer gefallen seien. Augenzeugen sprechen von einem Blutbad, das sich in der Nacht zum Samstag der Hauptstadt Zchinwali ereignet habe. Georgische Truppen hätten das Feuer lediglich erwidert, hält Tiflis dagegen – und schickt Diplomaten zu Verhandlungen nach Süd-Ossetien, um eine friedliche Lösung herbeizuführen. Derweil ließen die Behörden in Südossetien weit über 1 000 Frauen, Kinder und Senioren aus der Konfliktzone in die südrussische Stadt Wladikawkas evakuieren. Zum zweiten Mal binnen eines Monats wurde die Mobilmachung der Reservisten in der Teilrepublik verkündet.

Südossetien hatte sich wie Abchasien Anfang der 90er Jahre von Georgien losgesagt. In beiden Regionen sind russische Friedenstruppen stationiert. Georgien wirft Russland vor, Südossetien und Abchasien annektieren zu wollen. Russland beschuldigt hingegen Georgien, sich die Gebiete gewaltsam einverleiben zu wollen.

Experten befürchten, dass das „Pulverfass Kaukasus“ erneut explodieren könnte. „Beide Seiten spielen mit dem Feuer“, stellt Uwe Halbach fest, Kaukasus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die Konfliktparteien könnten mit ihren ständigen Provokationen eine schwere bewaffnete Konfrontation hochschaukeln. Von einem „eingefrorenen Konflikt“ könne im Südkaukasus jedenfalls keine Rede mehr sein. Seit vier Jahren, als Georgien das Konfliktfass mit einer militärischen Aktion in der Hauptstadt wieder zum Brodeln brachte, komme Südossetien nicht zur Ruhe.

Wenn sich die Konflikte in Südossetien weiter zuspitzen, gerät auch der russische Präsident Dmitri Medwedjew in Zugzwang. Moskau gilt als Schutzmacht Südossetiens und der Republik Abchasien, die sich ebenfalls um Unabhängigkeit von Georgien bemüht. Die russische Regierung finanziert Separatisten in beiden Teilrepubliken, stattet die Bevölkerung mit russischen Pässen aus und hält die Wirtschaft durch Handelsbeziehungen in Gang. Zuletzt reizte das russische Militär ihre Gegenüber in Tiflis, als sie georgische Drohnen abschossen und militärische Manövern im Grenzgebiet abhielten.

Für den Kreml sind die georgischen Republiken ein geopolitisches Druckmittel – ein Faustpfand, mit dem sich möglicherweise die Nato-Osterweiterung wegverhandeln ließe. Gegen die von den USA vorangetriebene Ausdehnung des Verteidigungsbündnisses an die russischen Grenzen wehrt sich Moskau mit allen Mitteln. „Je akuter der Beitritt von Georgien und der Ukraine wird, desto instabiler wird die Situation in Südossetien und Abchasien“, urteilt der Moskauer Politologe Fedor Lukjanow. Moskau würde die abtrünnigen Republiken kurzerhand anerkennen - und den Konflikt mit Georgien heraufbeschwören.

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